Terrorismus

ARD-Doku "Die Folgen der Tat" über Susanne Albrecht

Wiebke Ramm

Von Wiebke Ramm

Mi, 27. Mai 2015

Computer & Medien

Eine Familie im Schatten der RAF: Was ein Mord das Verschwinden einer Tochter für eine Familie bedeuten, zeigt der ARD-Dokumentarfilm "Die Folgen der Tat".

Die Mörder haben Blumen dabei, als sie am 30. Juli 1977 bei Familie Ponto klingeln. Susanne Albrecht hat sich zum Tee angekündigt. Ihre Familie ist eng mit den Pontos befreundet. Sie kommt in Begleitung von Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. Minuten später ist Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Dresdner Bank, tot, erschossen von der RAF. Susanne Albrecht taucht unter. Was der Mord an dem Freund und das Verschwinden der Tochter für ihre Familie bedeuten, zeigt der ARD-Dokumentarfilm "Die Folgen der Tat".

Susannes jüngste Schwester, Julia Albrecht, hat ihn zusammen mit der Regisseurin Dagmar Gallenmüller gemacht. Es ist ein außergewöhnlich intimer Film über die frühere RAF-Terroristin geworden. Julia Albrecht lässt ihre Familie selbst zu Wort kommen, vor allem ihre Mutter, Christa Albrecht. Es ist ein Dokument der Hilflosigkeit, des Haderns, des Verzweifelns. Susanne Albrecht ist heute 64 Jahre alt und lebt unter neuem Namen in Bremen. Die Versuche, mit ihr über das Geschehene ins Gespräch zu kommen, seien "irgendwann kläglich gescheitert", sagt ihre Schwester.

Im Film kommt die frühere RAF-Terroristin nur anhand von Vernehmungsprotokollen zu Wort. Zu Beginn ihrer Radikalisierung hatten sich die Eltern immer wieder für Susanne eingesetzt, sich an die Hoffnung geklammert, dass jede Festnahme ganz sicher die letzte gewesen sein wird. Julia, die Schwester, macht den Eltern Vorwürfe. Sie erspart ihrer Mutter, Jahrgang 1926, auch vor der Kamera nichts. Sie wirft den Eltern eine "fast aggressive Naivität" vor, mit der sie die Augen davor verschlossen hätten, dass Susanne längst zur Terroristin geworden war. Ihre Mutter antwortet: "Versetz dich doch mal in unsere Lage. Rückwirkend gesehen ist das wahrscheinlich alles dummes Zeug, wie wir uns verhalten haben. Wahrscheinlich hätte man damals sofort ...", sie bricht ab, sucht nach Worten, findet sie nicht, sagt dann: "Ja, was hätte man tun sollen? Was?"

Es ist ein überaus ehrlicher Film – und Christa Albrecht eine mutige Frau. Dass sie die Öffentlichkeit an diesem zutiefst privaten Gespräch mit ihrer Tochter teilhaben lässt, dass sie ihr Ringen mit dem Gefühl der eigenen Schuld vor der Kamera zeigt, ist bemerkenswert. Sie schont sich nicht, heischt nicht um Verständnis. Auf die meisten Fragen aber hat auch sie keine Antworten. Julia Albrecht geht es nicht um die RAF, nicht um deren politische Ziele. Dieses Wissen setzt sie beim Zuschauer voraus. Es geht um eine Familie, die damit klarkommen muss, dass die Tochter, die Schwester, den Mord an einem geliebten Freund ermöglicht hat. Wie konnte das geschehen? Die Schwester sucht die Antwort im Privaten. Vater Hans-Christian Albrecht war erfolgreicher Anwalt, zu Beginn der Arbeiten zum Film ist er gestorben. Die Mutter liebt ihre Tochter noch immer. Und Julia? Susanne war ihre Lieblingsschwester.

Beim Wiedersehen nach 13 Jahren muss sie feststellen, dass Susanne sie fast vergessen hatte. Die Stasi hatte der gesuchten Terroristin in der DDR eine neue Identität gegeben. Der Untergang der DDR führte zu ihrer Verhaftung. Susanne Albrecht wurde zu einer zwölfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt, 1996 kam sie auf Bewährung frei. Ihr Vater hat ihr wunderbare Briefe geschrieben, in dem er um seine Tochter kämpft. "Hör auf mit dem Verzweiflungsspiel. Versuch nicht, die Welt mit Bomben zu retten."

Er schreibt die Sätze noch vor dem Mord an seinem Freund – abgeschickt hat er sie nie. "Schöner Brief. Kennt sie den?", fragt die Mutter nun im Film ihre jüngste Tochter. Ja, sagt Julia, Susanne habe ihn vor zwei Jahren bekommen. "Und was hat sie gesagt?" Der Blick der Mutter ist voller verzweifelter Hoffnung. Die Antwort aber lautet: "Nichts."

– "Die Folgen der Tat", Mittwoch, 27. Mai, 22.45 Uhr, ARD.