Corona verhilft dem IS zum Comeback

Martin Gehlen

Von Martin Gehlen

Mi, 13. Mai 2020

Ausland

Im Irak und in Syrien greifen die Dschihadisten wieder an / Sie wollen das Machtvakuum ausnutzen, das die Pandemie verursacht hat.

TUNIS. Seit Wochen häuften sich nächtliche Überfälle, Sprengfallen, Entführungen, falsche Straßensperren und Selbstmordattentate. Gut ein Jahr nach der Kapitulation ihres selbsternannten Kalifats sind die Dschihadisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wieder auf dem Vormarsch, auch wenn sie im Irak und in Syrien kein festes Territorium mehr kontrollieren.

Stattdessen nutzen die Dschihadisten die globale Corona-Krise, um ihren Guerillakrieg massiv auszuweiten. Ihre Kommandos agieren vor allem in den sunnitischen Provinzen im Norden und Westen des Irak, im Osten Syriens sowie in den schwer zugänglichen Wüstenregionen entlang der 600 Kilometer langen irakisch-syrischen Grenze. Mehr als 430 Anschläge gingen seit Beginn des Jahres auf ihr Konto, im Vergleich zu Januar liegt deren Zahl im Corona-Monat April doppelt so hoch. Allein in Iraks Hauptstadt Bagdad explodierten Anfang der Woche simultan fünf Sprengsätze.

Weite Teile der irakischen Sicherheitskräfte sind abgelenkt, weil sie damit beschäftigt sind, die wegen der Pandemie verhängten Ausgangssperre zu kontrollieren. Viele Polizisten und Soldaten erscheinen aus Angst vor Infektionen nicht mehr zum Dienst. Zum anderen haben die US-Antiterror-Einheiten im Irak im Konflikt um ihre Stationierung die Zahl der Stützpunkte und Ausbilder sowie die Luftaufklärung stark reduziert. Dieses doppelte Sicherheitsvakuum spielt den Extremisten jetzt in die Hände.

Im Irak richten sich die Serienangriffe des IS gegen Soldaten und Polizisten, kurdische Peschmerga, schiitische Milizen und Bewaffnete lokaler Stämme. Sechs Überlandleitungen im Nordosten des Landes wurden zerstört, sodass Hunderttausende ohne Strom sind. Kürzlich attackierte ein Selbstmordattentäter die irakische Antiterror-Zentrale in Kirkuk. "IS-Elemente treiben sich innerhalb und außerhalb von Kirkuk herum, die Stadt befindet sich in unmittelbarer Gefahr", sagte Idris Rifaat, Chef des kurdischen Inlandsgeheimdienstes Asayish in Kirkuk.

Neu sei, dass sich der IS stark genug fühle, größere und komplexere Attentate in Städten zu verüben, erläuterte Nicholas Heras vom Institute for the Study of War. Auch in Ballungsgebieten verfüge der IS wieder über genügend lokale Netzwerke, "die es ihm erlauben, zuzuschlagen, wann er will, zunehmend auch, wo er will, und mit größerer Gewalt".

Der Druck dieser neuen Terrorwelle ist mittlerweile so hoch, dass selbst pro-iranische Politiker in Bagdad nicht mehr strikt an dem Parlamentsbeschluss vom Januar festhalten wollen, der den Abzug aller ausländischen Truppen forderte. Sunniten und Kurden sind sowieso strikt dagegen, dass die 5200 US-Soldaten nach Hause fahren. Aber auch im schiitischen Lager gibt es Bewegung, dort kann man sich mittlerweile eine reduzierte Präsenz der Amerikaner vorstellen.

Anfang Juni will die neue irakische Regierung unter Premier Mustafa Al-Kadhimi mit Washington über die künftige Zusammenarbeit verhandeln. Die irakischen Spezialkräfte alleine werden mit dem IS nicht fertig. Sie sind auf die US-Aufklärung genauso angewiesen wie auf die amerikanischen Drohnen und Kampfhubschrauber.

Im Blick auf Syrien warnte UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet derweil vor einer "tickenden Zeitbombe". Verschiedene Konfliktparteien, darunter der IS, betrachteten offenbar die Coronavirus-Pandemie als Gelegenheit, sich neu zu gruppieren, erklärte sie. Seit Monaten operieren die selbsternannten Gotteskrieger praktisch unbehelligt in der Badiya-Wüste östlich von Homs und westlich von Deir Ezzor, die zum Machtbereich von Staatschef Bashar al-Assad gehört. Schwer bewaffnete IS-Konvois, deren Kriegsgerät offenbar teilweise aus Armeebeständen des Regimes stammt, paradieren durch die dünn besiedelten Regionen. Vergangene Woche starben sieben Soldaten Assads, als ihr Bus in einen Hinterhalt geriet. Einen Monat zuvor verloren in dem Städtchen Sukhna, wo Gas gefördert wird, 32 Soldaten ihr Leben. Die Gefechte mit den IS-Angreifern dauerten zwei Tage.

In ländlichen Gebieten Syriens gebe es hunderte, wenn nicht tausende Verstecke, alle ausgestattet mit Kommunikationstechnik, Sprit, Generatoren, Sprengstoffvorräten und Bombenwerkzeug, erläuterte Michael Knights vom Washington Institute. "Das ist das Rückgrat dieser Erhebung", sagt er.

Verständlicherweise konzentriere sich die Welt derzeit darauf, mit der Pandemie fertigzuwerden, analysierte kürzlich die International Crisis Group, die Analysen für internationale Konflikte erarbeitet. "Trotzdem sollten die Länder Vorkehrungen treffen, um sich vor den Gefahren zu wappnen, die von dem IS ausgehen."