Lieder aus mehreren Jahrhunderten

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Mi, 16. Oktober 2019

Dachsberg

Singkreis Görwihl gibt Konzert in Wilfinger Kirche / Leiter Martin Angell spielt zwischen den Gesangsteilen Cellostücke.

DACHSBERG. Am Sonntag gab der Singkreis Görwihl, dem auch Mitglieder aus Dachsberg angehören, mit seinem Leiter Martin Angell in der Wilfinger Kirche ein Konzert. Auf dem Programm standen deutsch- und englischsprachige Lieder aus mehreren Jahrhunderten, außerdem einige Arrangements sowie Eigenkompositionen von Martin Angell. Zwischen den drei Gesangsteilen spielte Angell Cellostücke von Gabrielli, Dall’Abaco sowie weitere Werke aus seiner eigenen Feder.

Als Reminiszenz an den Sommer begann der kleine Chor mit "Geh aus mein Herz" und "Wild Mountain Thyme" gleich mit zwei Arrangements seines rührigen Chorleiters und steckte dabei auch den Rahmen ab zwischen fröhlichem, mit Strahlkraft vorgetragenem Natur- und Gotteslob einerseits und romantischer, in weichen Legatobögen gesungener, mitunter auch leicht ironisch gefärbter Liebessehnsucht andererseits. Mit letzterer ging es auch weiter in Gestalt des um 1600 entstandenen "Your shining eyes" von Thomas Bateson sowie dem als "Innsbrucklied" bekannten "Ach Lieb’, ich muss dich lassen" Heinrich Isaacs aus der gleichen Zeit.

Angell, der durch das Programm führte, bekannte seine Affinität zu deutschen Komponisten, die in England erfolgreich gewirkt hatten, wie Händel und Mendelssohn, denen unter anderem im ausgegebenen Flyer mit dem Begriff "Hingabe" der zweite Chorabschnitt gewidmet war. Schmerzlichen Verlust, gehüllt in sorgfältig aufeinander abgestimmte, sanft fließende Linien, artikulierte der Chor mit Händels "Lasst mir die Klage". Glaubensgewissheit setzte er dann mit dem von Angell arrangierten Bonhöffer-Text "Von guten Mächten" sowie Mendelssohns auf deutsch und auf englisch vorgetragenem, weichen Legato von "Wirf dein Anliegen auf den Herrn" entgegen.

Im dritten Programmabschnitt präsentierte der Singkreis dann hauptsächlich ganz Persönliches, eigens auf den ambitionierten kleinen Chor Zugeschnittenes. Das bekannte englische Volkslied "Greensleeves" hat Angell nicht nur für Cello mit Variationen versehen, sondern zudem in einer weiteren Version zusammen mit einer markanten Cellobegleitung auf die unterschiedlichen Stimmen seiner Sängerinnen und Sänger verteilt.

Seine Eigenkomposition "Herbstbild" nach einem Text von Friedrich Hebbel ist ein atmosphärisch dichtes, stark textausdeutendes Werk, das die im Text angesprochene verhaltene, sich durchaus auch in Dissonanzreibungen artikulierende, in den letzten Atemzügen vor dem Winter befindliche "Feier der Natur" zelebriert. Ganz anders das ebenfalls den Text veranschaulichende, in imitatorisch gesetzten, einander nacheilenden Linien schnell dahinfliegende "Keine Wolke", das Angell auf einen Text von Max Dauthendey komponiert hat. Der Singkreis beschloss sein facettenreiches Programm hymnisch, sozusagen mit einem musikalischen Mahnruf angesichts der sterbenden Wälder in Gestalt von Mendelssohns "Jägers Abschied", von Angell mit einem gewissen Galgenhumor als "ökologisches Lied" bezeichnet.

Martin Angell präsentierte sich zwischen den Liedgruppen zudem einmal mehr als versierter Cellist. In einem Ricercar Gabriellis sorgten die fröhliche, beinahe tänzerische Melodie, die großen Intervallsprünge zwischen den einzelnen Phrasen sowie einander nachhuschende Linien für Lebendigkeit. Die mit Verve einsetzende kleine melodische Floskel in Dall’Abacos Capriccio setzte sich durch das ganze Stück hindurch fort, mit feinen dynamischen Abstufungen angereichert. Der erste Satz von Angells dritter Suite steckt zunächst ausdrucksvoll den weiten Ambitus des Cellos ab, um diesen in der Folge mit virtuosem Laufwerk auszufüllen. Ein romantisches irisches Lied mit leicht melancholischem Einschlag machte den Abschluss dieses ersten Instrumentaleinschubs.

Im "Herbstgesang" stellt Angell die intime Atmosphäre dieser Jahreszeit mit weichen Doppelgriffen dar. Verlöschende Pizzicati, sich nur piano aufbäumende, mit dem leichten Hauch des Vergeblichen behaftete Dissonanzen deuten indes bereits das Absterben der Natur an. Nach einem weiteren munteren Capriccio von Dall’Abaco spielte Angell noch seine Greensleeves-Variationen, die sich immer wilder gebärden, dann aber doch in einen resignativen Schluss münden.

Als kleines Überraschungsbonbon trugen Martin Angell und Gabriele Zimmermann mit verteilten Rollen ein 200 Jahre altes englisches Gedicht vor mit dem aussagekräftigen Titel "No", das als Pointe nach einer desillusionierenden Aufzählung von allem Nicht-Vorhandenen mit dem Wortspiel "No-vember" schließt. Als Zugabe kredenzte der Singkreis seinem kräftig applaudierenden Publikum noch Irlands heimliche Hymne, das sanft getragene, gleichermaßen von Abschied, Trauer und Hoffnung erfüllte "Danny Boy".