Das Klo als Attraktion

Peter Stellmach

Von Peter Stellmach

Mi, 17. April 2019

Titisee-Neustadt

In Titisee wird eine Erlebnis-Toilette eingeweiht / Die Investition von 400 000 Euro soll sich schnell auszahlen / Eine Benutzung kostet einen Euro.

TITISEE-NEUSTADT. Nein, zum Äußersten ist es nicht gekommen. Die Tourismus-Oberen haben die Bürgermeister bei der Eröffnung der neuen Attraktion in Titisee nicht zum Wett-Pinkeln herausgefordert. Man war gespannt gewesen, wie die Einweihung einer Erlebnis-Toilette zu feiern sei, das zeigt schon das stattliche Aufgebot der Medien, und man meint fast, das Augenzwinkern zu sehen, mit denen die Kollegen die Objektive ihrer Fernsehkameras scharf stellen für die Eröffnung der Bedürfnisanstalt der Hochschwarzwald Tourismus Gesellschaft (HTG) neben dem Kurhaus.

Zum "Schmunzeln für das Tam-Tam" ist es beispielsweise Bürgermeisterstellvertreter Leopold Winterhalder. Doch er sagt auch, dass die Bedeutung der Toilettenanlage nicht unterschätzt werden sollte. Nebenbei bemerkt, in Neustadt hatten sie mal das Pfefferhäusle neben dem Rathaus, damit jemand können durfte, wenn er müssen sollte, es war eine Voraussetzung für den damaligen Status als Kneipp-Kurort. Ähnlich verhält es sich heute. Denn nicht von ungefähr wird an einem Konzept Titisee 2025 gearbeitet. Der Zustrom an Touristen aus aller Welt wächst, aber die Infrastruktur ist dem teils nicht mehr gewachsen. Das gilt unter anderem für die Bedürfnisse, die alle Menschen gleich machen. So ist die Idee für ein Projekt entstanden, das als Willkommenskultur im besten Sinne gilt. Vom Wow-Effekt spricht HTG-Geschäftsführer Thorsten Rudolph, "hier erlebt man etwas".

Wo auf einer Handvoll schwarzer Container-Module mit großformatigen Bildern von Männern und Frauen in Tracht des Kult-Fotografen Sebastian Wehrle Hochschwarzwald drauf ist, ist auch Schwarzwald drin. Gezwitscher begleitet alle Geschäfte, und wer da piept, darf man sich währenddessen überlegen. HTG-Haustechniker Roland Walleser hat die Stimmen über Nacht noch installiert, "alle möglichen Schwarzwaldvögel halt", beschreibt er die Vielfalt, zu der Waldrauschen, Waldmotive hinter Plexiglas und geräuschdämpfende (!) Moospaneele gehören. Fraglos: Die Örtchen können sich sehen lassen, an Gestaltung und Material hat man nicht gespart. Die Willkommenskultur geht so weit, dass die Toilette neben den europäischen Sprachen auch in chinesisch, indisch und arabisch beschriftet ist, die Ausstattung geht auf die Gepflogenheiten anderer Kulturen ein.

Die Neugier ist groß, wie man an Gruppen von staunenden und fotografierenden Chinesen sieht, aus denen sich immer wieder Einzelne lösen, die schon mal gerne würden, wenn sie dürften. Aber noch ist das rote Band nicht durchschnitten. Das Klo als Attraktion. Womit ein Gesichtspunkt zur Sprache kommen darf, der eine durchaus wichtige Rolle spielt. Geld stinkt nicht. Und so freuen sich die HTG und der Umkircher Container-Spezialist Kramer GmbH als Partner in der extra neu gegründeten Tochtergesellschaft mit dem sperrigen Namen Toiletten- und Modulbau Hochschwarzwald Projektierungs- und Betriebs GmbH auf eine sprudelnde Einnahmequelle. Feinsäuberlich ist nämlich kalkuliert: 410 000 Touristen jährlich steigen neben dem Kurhaus aus 8330 Bussen. Wenn die müssen und vor dem Wiedereinsteigen vielleicht noch einmal, wenn noch andere Besucher, angelockt von Wehrles Fotos, den Weg zu dem sowieso prominent platzierten Örtchen finden – "dann sollte etwas hängen bleiben", ist sich Rudolph sicher. Einen Euro oder wahlweise einen Franken kostet jeder Klogang, Menschen mit Behinderung haben ihren Euroschlüssel dabei, für sie ist die Nutzung gratis. Die Hälfte der Gebühr kann beim Einkaufen in örtlichen Shops verrechnet werden. Die Investition von 400 000 Euro inklusive Erschließung sollte bald eingespült sein, ist die Erwartung.

"Gute Geschäfte" wünscht man sich bei den Ansprachen. Man könnte auch den Touristikern den Tipp geben, in internationaler Übersetzung Grimms Märchen vom Tapferen Schneiderlein zum Aushang zu machen. Da lässt bekanntlich der Esel Goldstücke fallen. Nicht ausgeschlossen, dass die HTG der Toilette weitere folgen lässt. Und, wie ist es nun, wer darf als Erster? "Wer als Erster muss", antwortet HTG-Chef Rudolph schlagfertig. Es ist ein Titisee-Besucher aus China.