Das Mädchen, das vor der Kanzlerin weinte

Roland Mischke

Von Roland Mischke

Sa, 26. August 2017

Literatur & Vorträge

BUCH IN DER DISKUSSION:Reem Sahwil erzählt von ihrer Kindheit im Flüchtlingslager, ihrer Krankheit und ihrer neuen Heimat.

Bekannt geworden ist Reem Sahwil vor zwei Jahren, im August 2015. Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchte damals für ein sogenanntes Bürgergespräch eine Realschule für Körperbehinderte in Rostock. Unter den Schülern war die damals 14-jährige Palästinenserin, die von Geburt an einen Gehfehler hat, der medizinisch behandelt wird. Die Fernsehkameras liefen, erst sprach Merkel – und dann hatte Reem ein Mikrofon in der Hand. Da habe sie, so schreibt sie, einfach drauflos geredet. Sie erzählte von ihrer Angst vor einer Ausweisung. Merkel antwortete, Deutschland könne nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Daraufhin fing Reem an zu weinen. Merkel tröstete Reem, umarmte sie, sprach beruhigend auf sie ein.

Jetzt hat "Merkels Flüchtlingsmädchen" ihre Autobiographie geschrieben, mit Unterstützung der Ghostwriterin Kerstin Kropac. Reem erzählt vom Lagerleben im Libanon und ihrer Krankheit, von ihrer Odyssee in Europa, vom Schulleben und ihren Freunden in Deutschland, ihrer neuen Heimat.

Reem hat eine leidvolle Kindheit hinter sich. Wegen der schwierigen Verhältnisse in Palästina beschlossen ihre Eltern, Atif und Manal Sahwil, Ende der 1990er Jahre ihr Lebensglück anderswo zu suchen. Sie flohen in den Libanon. Reem kam im Jahr 2000 im Flüchtlingslager Wavel im Ost-Libanon als Frühgeburt zur Welt, erlitt bei der Geburt Gehirnschäden, weil sie wegen der schlechten medizinischen Ausstattung nicht ausreichend beatmet wurde. Sie wuchs nur langsam und saß im Rollstuhl. Heute noch sind Teile ihres Körpers gelähmt.

Der Vater sammelte übers Internet 38 000 Euro Spenden ein. 2010 flog die Mutter mit ihr – und ihrem jüngeren Bruder – für eine Stammzellentherapie nach Düsseldorf. Danach ging es nach Malmö, Schweden schickte die Teilfamilie wegen des Dublin-Abkommens zurück. Sie landete in einer Flüchtlingseinrichtung in Mecklenburg-Vorpommern, der Flüchtlingsverteilungsschlüssel schließlich brachte die Familie nach Rostock; der Vater war mittlerweile über die Balkanroute dazugekommen, er hatte im Libanon kein Ausreisevisum erhalten.

Heute sind Eltern und Kinder gut integriert. Sie sprechen Deutsch, der Vater arbeitet beim Roten Kreuz, die Mutter ist Sozialarbeiterin für Flüchtlinge. Reem ist eine gute Schülerin, im letzten Zeugnis war sie die einzige ihrer Klasse mit einer 1 in Deutsch.

Dass ihre Begegnung mit Angela Merkel zu einem Schlüsselmoment der deutschen Einwanderungspolitik wurde, das glaubt die jetzt 16-Jährige nicht. Aus dem "Das können wir nicht schaffen", das die Kanzlerin zu Reem sagte, wurde aber wenige Tage später, am 31. August bei der Bundespressekonferenz in Berlin, ihr berühmtes "Wir schaffen das". Reem erzählt, dass sie gehört habe, die Begegnung mit der Kanzlerin habe deren Grundhaltung verändert, meint aber: "Ich glaube nicht, dass ich so wichtig bin."

Sie sei bei dem Bürgergespräch in Tränen ausgebrochen, weil Merkels Hinweis nur bedeuten konnte, dass die Familie nicht bleiben könnte. Ihre Eltern haben für sich und ihre Kinder einen Asylantrag gestellt, seit sechs Jahren leben sie mit befristeter Duldung in Deutschland. Den Shitstorm im Internet über die angeblich kaltherzige Kanzlerin habe sie kaum wahrgenommen.

Im April 2016 hat Merkel die junge Palästinenserin mit ihrer Schulleiterin ins Kanzleramt eingeladen. Eine halbe Stunde dauerte das Gespräch, Merkel fragte besorgt, ob Reem sich mittlerweile beruhigt habe. "Weil sie gesehen hat, dass es für mich nicht einfach war. Und für sie war es wahrscheinlich genauso schwer."

Auch Reem Sahwil ist angefeindet worden: Rechte Stimmen behaupten bis heute, sie habe israelfeindliche Äußerungen gemacht. Der Buchverlag hat ihr geraten, das Thema Politik außen vor zu lassen. Sie schreibt aber über ein tolerantes Zusammenleben verschiedener Religionen und erzählt, dass ihre Großmutter einst mit einer Jüdin sehr eng befreundet war.

"Ich wollte nicht weg von hier," schildert Reem ihr Gefühl, als sie als Kind im Flüchtlingslager lebte: "Hier in Wavel kannte ich alles, hier hatte ich meine Familie, die mir bei allem half, meine Freundin Jana, die mich unterstützte." Mittlerweile hat Reem eine neue Heimat: "Wir leben alle zufrieden in Rostock", schreibt sie. "Wir haben hier nicht nur unser Zuhause, sondern vor allem auch zu uns gefunden." Im Oktober dieses Jahres allerdings endet der Aufenthaltsstatus der staatenlosen Familie Sahwil in Rostock.