Das Politische wird persönlich, die Liebe allgemeingültig

Ulrike Le Bras

Von Ulrike Le Bras

Di, 21. Mai 2019

Lahr

ORTE FÜR WORTE: Rudi Rhode bringt mit seiner musikalischen Biographie das Phänomen Rio Reiser dem Publikum nahe.

LAHR. Hätte die Veranstaltung "Die Rio Reiser-Story" der Reihe "Orte für Worte" statt im Lahrer Schlachthof in einem Kirchenraum stattgefunden – man könnte behaupten, dass da ein Erweckungsprediger am Werk gewesen sei. Die Wirkung, die Rudi Rhode mit seiner musikalisch-biografischen Reise durch das Leben und Schaffen des zu seinen Lebzeiten wohl Verkanntesten deutschsprachigen Musikers erzielt hat, lässt diesen Schluss zu.

Wie elektrisiert fanden sich da eingeschworene Fans und Besucher, die von Reiser bisher allenfalls den "König von Deutschland" gekannt hatten, nach dem letzten bye-bye aus dem "Junimond" zusammen, um sich, noch total beseelt von dem, was sie da in den vergangenen zwei Stunden gehört hatten, auszutauschen über ihre Erfahrungen oder auch ihre Unkenntnis der Materie, die sich an diesem Abend in eine Art Erkenntnis verwandelt hatte. Dabei hatte das musikalische Kammerspiel eher so begonnen, dass man sich gefragt hat, wohin diese Reise denn führen soll: ein kleines Quiz mit skurrilen Fragen, danach die Verwandlung von Rudi zu Rio, der mit einem Bierflaschen-Fernglas von seiner Wolke auf die Bühne herunterschaut, ein paar kurze Einspielungen (Junimond, König von Deutschland), die eher die Nicht-Eingeweihten im Publikum an die Hand genommen haben, bevor es zurück ging in die Siebziger Jahre, die Zeit der aufkeimenden Proteste, der Hausbesetzungen in Berlin und anderswo, die Gründungszeit von Rio Reisers Band "Ton Steine Scherben", illustriert mit Trommel-Rhythmus aus der Konserve, dazu das Akkordeon und eine rotzig-raue Revoluzzer-Stimme "Macht kaputt, was euch kaputt macht!"

Abrupt entlässt Rhode seine Zuhörer dann aber wieder aus der Polit-Ecke, gibt mit Sonnenbrille, Hut und Zigarre den Udo, der den Thron des ersten Deutschrockers für sich beansprucht, bringt die Leute mit "alles Klärchen und Eierlikörchen" zum Lachen, um es ihnen nur Minuten später im Halse stecken zu lassen: "Mein Name ist Mensch", ein Lied das bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat. Und schon hat Rudi Rhode, der nicht nur ein ausgezeichneter Musiker, sondern auch ein erfahrener Schauspieler ist, den Saal in der Tasche. Zeigt das ganze künstlerische Spektrum Rio Reisers auf. Spielt mit ihnen, indem er sie mit sichtlichem Vergnügen in das Wechselbad der Gefühle zwischen dem Poetisch-Zarten und dem Politisch-Harten schubst. Dabei gelingt es ihm, den Zuhörern die Ohren dafür zu öffnen, wie genial Reiser es verstanden hat, beide Genres, den Protestsong und das Liebeslied miteinander zu verbinden: das Politische zu etwas Persönlichem und die Liebe zu etwas Allgemeingültigem zu machen. Den stärksten emotionalen Eindruck hinterlassen haben an diesem Abend das durch seine schlichte Melancholie ergreifende "Für immer und Dich" und "Der Krieg", den Rudi Rhode mit einem zum Nachdenken anregenden offenen Schluss im Raum verklingen lässt: "Der Krieg, er ist nicht tot, der Krieg ... er hat sich gut versteckt und wartet, wartet, in mir, in Dir – er ist nicht tot, der Krieg, er ist..."