NS-Zeit

"Das Rote Vikärle": Wie sich ein Pfarrer im Kleinen Wiesental gegen die Nazis stellte

Gudrun Gehr

Von Gudrun Gehr

Di, 25. Juni 2019 um 11:04 Uhr

Kleines Wiesental

Historiker Hansjörg Noe widmet in seinem Buch zur NS-Zeit Pfarrer Ludwig Simon ein eigenes Kapitel

Es gab nicht nur Mitläufer und Täter in der NS-Zeit, es gab auch Menschen, die sich gegen das Regime stellten – so wie Pfarrer Ludwig Simon (1905 bis 1995). Bei der Vorstellung seines Buches "Mitgelaufen – NS-Geschichte der Ortschaften im Kleinen Wiesental" im Krone-Frühschoppen, stellte Lokalhistoriker Hansjörg Noe das Leben und Wirken des Pfarrers vor, der aufgrund seiner Predigten 1933 von der eigenen evangelischen Kirche nach Wies strafversetzt wurde. Ludwig sei ein Beispiel dafür, dass "Widerstand möglich war", so Noe. Dem Pfarrer Ludwig Simon, Spitzname "rotes Vikärle" und späteren Wieser Ehrenbürger, widmete der Autor ein eigenes Kapitel: "Die Kanzel ist nicht für die Politik da – oder die evangelische Kirche und Pfarrer Ludwig Simon". Simon war Mitglied des Bundes "Religiöse Sozialisten" und lernte auf einer Tagung in der Schweiz Dietrich Bonhoeffer kennen. Bereits 1930 wird ihm von seinen Vorgesetzten empfohlen, seine sozialistische Gesinnung zurückzuhalten. Als Pfarrvikar in Stetten am kalten Markt hält er am "Tag von Potsdam" am 21. März 1933, im Konzentrationslager Heuberg, ausgerechnet bei einem Feldgottesdienst der Reichswehr und der SA eine Predigt, die sich gegen das sich gerade etablierende NS-System und seine menschenverachtende Ideologie richtet.

Kirchenleitung ordnete sich dem Zeitgeist unter

An diesem Tag erfolgte die Kanzlerwahl von Adolf Hitler. Die Kirchenleitung war damals bemüht, sich dem herrschenden Zeitgeist unterzuordnen. Sie wollte ihren Pfarrer "aus dem Verkehr " ziehen und versetzte ihn am 12. April 1933 ins abgelegene Wies. Simon hatte in der Zeitschrift "Religion und Sozialismus" analysiert, dass es sich bei der angeblichen Verbundenheit der NSDAP mit dem Christentum um "religiöse Mimikry", sprich um eine Anpassung, die der Täuschung diene, handle. Simon erhielt zunächst kein Gehalt, die Familie mussten sich selbst versorgen und sich auch aus dem Anbau von Gemüse im Pfarrgarten ernähren. Erst ab 1935 wurde er offiziell als Pfarrer in Wies bestellt.

Noe stellt fest: "In diesem abgelegenen Winkel sollte er dem Blick und dem Zugriff der Nationalsozialisten entzogen sein, obwohl die überwiegende Mehrheit der Bewohner des Kleinen Wiesentals die Politik der Nationalsozialisten unterstützte". Der Jungpfarrer ließ sich jedoch nicht den Mund verbieten. Noe berichtete von Anhaltspunkten, wonach Pfarrer Simon als Zugehöriger der Bekennenden Kirche jüdischen Menschen bei ihrer Flucht in die Schweiz behilflich war. Der streitbare Pfarrer brachte für das Kirchspiel Wies von Mai 1933 bis 1937 auch ein Gemeindeblatt namens "Üse Haimetschi" heraus, das überwiegend kirchliche Themen enthielt. Er erfreute sich bei der Wieser Bevölkerung großer Wertschätzung und Beliebtheit.

1963 kehrte er wieder nach Wies zurück

Allerdings geriet das Treiben des mutigen Pfarrers auch in Wies nicht aus dem Blickfeld der braunen Machthaber. Ludwig Simon wurde erneut zwangsversetzt, diesmal nach Mannheim, wo er 1939 als Soldat eingezogen wurde. 1944 geriet er in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1947 entlassen wurde. Nach mehreren beruflichen Stationen kehrte Simon 1963 schließlich nach Wies zurück, wirkte wieder als Dorfpfarrer und war in Schopfheim Religionslehrer. In Wies kümmerte er sich um die örtliche Geschichte und bewahrte das Werk des Kühlenbronner Dichters Philipp Würger vor dem Vergessen.