Das Unerwartete im Alltäglichen aufspüren

Martina David-Wenk

Von Martina David-Wenk

Di, 04. Mai 2021

Lörrach

Beim Hebelgottesdienst in der Christuskirche predigte der badische Landesbischof Jochen Cornelius Bundschuh.

. In diesem Jahr war die evangelische Christusgemeinde Gastgeber des Hebelgottesdienstes. Jochen Cornelius Bundschuh, Landesbischof der evangelischen Kirche in Baden, erinnerte in seiner Predigt an Johann Peter Hebels Beitrag zur Kirchenfusion vor 200 Jahren.

Das war nun also schon der zweite Hebelsonntag ohne die Verleihung des "Schatzkästleins" durch den Hebelbund, ohne den "Trunk in Ehre", mit dem Hebelfreunde am Oberrhein zu dessen Geburtstag anstoßen. Der Gottesdienst am Hebeltag musste zwar Abstriche hinnehmen, wurde aber ins weltweite Netz gestellt. Inge Hemberger, Vizepräsidentin des Hebelbundes, erinnerte in ihrem Grußwort an die "Hebelfründ us Basel un em Elsiss", die in diesem Jahr aus Pandemiegründen fehlten. In früheren Jahren verliehen sie dem regionalen Literaturfest eine multinationale Ausprägung. Markus Schulz, Pfarrer an der Christuskirche, widersprach in seinem Grußwort sogar dem Dichterfürsten Goethe, der Hebels Gedichte für unübersetzbar hielt. "Wer diese verstehen will, der müsse halt die Sprache lernen." Schulz, obwohl des Alemannischen nicht mächtig, verstand sie trotzdem.

Auch Landesbischof Jochen Cornelius Bundschuh, in Fulda geboren, tut sich wohl eher schwer mit dem alemannischen Zungenschlag. Was ihn nicht davon abhält, Johann Peter Hebel zu verstehen. Hebel war der erste Prälat der badisch unionierten Landeskirche. Heute hieße seine Funktion Landesbischof. Jochen Cornelius Bundschuh ist der 16. Kirchenführer nach Hebel in Karlsruhe. Das Unerwartete im Alltäglichen aufzuspüren, das sei die literarische Besonderheit des Dichters Hebel gewesen. So schlägt der Bischof die Brücke zum Bibeltext des Tages. Als Jesus den Pharisäern auf ihr Drängen, die Lobpreisungen der Menschen zu unterbinden, antwortet: "Wenn die Menschen schweigen, werden die Steine schreien."

Bundschuh könnte sich einen solchen Satz auch von Johann Peter Hebel vorstellen. Nichts ist alltäglicher als Steine und nichts ist weniger erwartbar, als dass diese reden könnten. Dabei könnten sie so viel erzählen, so Bundschuh. So könnten die Steine der 1959 gebauten Christuskirche zum Beispiel von Taufen und Hochzeiten, vom Tod und von Hoffnung erzählen, wenn denn das Unerwartbare einträte und Steine redeten.

"Seit 200 Jahren gib es unsere badische Kirche; wenn man von den Steinen her denkt, ist das nicht alt", so der Bischof. Aber Kirche sei ein Haus aus lebendigen Steinen, die sich immer wieder verändere und auch in Krisenzeiten nicht die Hoffnung verliere. Johann Peter Hebel habe dazu viel beigetragen: In der Badischen Landeskirche gebe es verschiedene Frömmigkeiten und Formen, den Glauben zu leben, und alle seien sei gemeinsam auf dem Weg. Dass die Kirche die Augen und die Ohren weit offen habe, um aufmerksam zu sehen und zu hören, was die Menschen bewege. Dass sie gerne praktisch wirke und im Alltag zupacke, dass sie nach denen schaue, die es schwer haben und ihnen beistehe, auch dazu habe Hebel beigetragen. Und auch, dass es ihr wichtiger sei, gemeinsam mit anderen unterwegs zu sein, als für sich allein Recht zu haben, sei im Sinne des Humanisten Johann Peter Hebels.

Inge Hemberger trat in der alten Markgräfler Tracht an den Altar. Sie dankte Pfarrer Markus Schulz für dessen Gastfreundschaft. Sie tat dies auf Alemannisch, weil die Sprache zum Verständnis des Dichters dazugehört. Auch wenn er zugleich ein großer Theologe war und heute für die Einheit der protestantischen Kirche in Baden steht. Der Gottesdienst wurde musikalisch von Herbert Deiniger und einem kleinen Vokalensemble gestaltet. Für die poppigen Töne sorgte eine Band mit Pfarrer Schulz an der Gitarre.