Potenziale

Das Wirtschaftsforum von Metrobasel in Lörrach stand im Zeichen der Digitalisierung

Thomas Loisl Mink

Von Thomas Loisl Mink

Di, 25. Juni 2019 um 20:00 Uhr

Lörrach

"Digitalisierung und Datennutzung: Potenziale und Rahmenbedingungen", lautete das Thema des Wirtschaftsforums von Metrobasel, mit dem sich eine hochkarätige Diskussionsrunde befasste.

"Digitalisierung und Datennutzung: Potenziale und Rahmenbedingungen", lautete das Thema des Wirtschaftsforums von Metrobasel, das am Montagabend in Lörrach in der Sparkasse Lörrach-Rheinfelden stattfand. Das Fazit mit Experten aus diesem Bereich lautete: Man kann den Wandel nicht aufhalten, aber man muss ihn in die Hand nehmen und gestalten.

"Mit der Digitalisierung erleben wir eine Art industrielle Revolution, die auch zu globalen Verteilungskämpfen führen kann", stellte André Marker fest. Regula Ruetz wies darauf hin, dass die Entwicklung rasch vor sich gehe, der Mensch aber etwas träge sei. Deshalb brauche es Regulierungen und Rahmenbedingungen, folgerte sie daraus. Stefan Krebs meinte in seinem humorvollen Eingangsreferat: "Die Digitalisierung hat sich ein bisschen eingeschlichen. Man hat lange Zeit gar nicht gemerkt, was auf uns zukommt. Aber die Digitalisierung geht nicht mehr weg." Er verdeutlichte dies mit den Beispielen eines Balkongeländers, das nicht mehr der hoch gelobte Schmiedemeister machen müsse, sondern vielmehr aus dem 3-D-Drucker kommen könne, und von dem digitalen Grillthermometer, mit dem sogar er ein Steak grillen könne. Aber ohne halt nicht.

Will ich einen Bildschirmarzt oder gar keinen?

Baden-Württemberg hat vor allem Hardware-Unternehmen. Nun gibt es aber weltweit agierende Unternehmen wie Uber oder Airbnb, welche die Leistung anderer Leute verticken und damit das große Geld machen. "Datensicherheit und Datenmanagement ist das wichtigste Thema der Zukunft", sagte Krebs. Es gibt bereits digitale Gesundheitsanwendungen. Die Frage werde gerade in ländlichen Region nicht sein, will ich einen Bildschirmarzt oder einen, der vor mir sitzt, sondern will ich einen Bildschirmarzt oder gar keinen. Das Land tue einiges, um in Sachen Digitalisierung voranzukommen, stellte Stefan Krebs fest. Er nannte Digitalakademie und Digitallotsen, die digitale Vernetzung der Behandlungszentren der Unikliniken oder eine Cyberwehr, die wie eine Feuerwehr bei digitalen Angriffen zum Einsatz kommt. In Sachen Künstliche Intelligenz forderte er eine europäische Initiative, sonst gerate Europa zwischen den USA mit ihren wirtschaftspolitischen und China mit seinen machtpolitischen Interessen unter Druck.

"Die Digitalisierung geht nicht mehr weg." Stefan Krebs
"Sind Daten der Treibstoff der Zukunft und was wollen wir zulassen und was nicht?", fragte Regula Ruetz zur Eröffnung der anschließenden Podiumsdiskussion. Beim Buchen von Hotelzimmern überrollt die Digitalisierung den Markt, stellte Jan Olaf fest. In der Industrie kann die Digitalisierung zu Verschlankung führen, in der öffentlichen Verwaltung auch, die hinkt aber noch hinterher, meinte er. Man werde nicht alle Menschen sofort in die Digitalisierung mitnehmen können, stellte Stefan Krebs fest.
Diskutanten
Stefan Krebs, Ministerialdirektor Landesregierung Baden-Württemberg, steuert und entwickelt die IT-Strategie und die ressortübergreifende Digitalisierungsstrategie; Thomas Berger, Leiter Zentrale Informatikdienste Finanzdepartement Kanton Basel-Stadt. Jörg Lutz, Oberbürgermeister Lörrach; André Marker, Vorstandsvorsitzender Sparkasse Lörrach-Rheinfelden; Simon Marville, Leiter Strategie & Innovation Bereich Informatik der schweizerischen Post; Jan Olaf, Studiengangsleiter Studienzentrum IT-Management & Informatik, DHBW Lörrach; Lukas Ott, Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt; Regula Ruetz, Direktorin Metrobasel.

Thomas Berger gab zu bedenken, der Wandel rufe auch Ängste und Fragen der Existenzsicherung auf. "Eine Zweiteilung der Gesellschaft in die, die mithalten können, und die, die es nicht können, würde die Gesellschaft viel verletzlicher machen. Das muss unbedingt durch Aus- und Weiterbildung verhindert werden", sagte Lukas Ott. Die Zweiteilung in Gewinner und Verlierer gefiel Jörg Lutz gar nicht. Er wies aber auch auf die hin, die privat immer das neueste Smartphone haben, vor der neuen Software am Arbeitsplatz aber zurückschrecken.

"Wir bilden unsere Leute intensiv digital aus, können aber nicht alle mitnehmen", stellte auch André Marker fest. "Aber wir brauchen die Digitalisierung, weil wir zu wenig Leute bekommen", sagte er. "Die Frage ist, wie radikal wollen wir unser Bildungssystem verändern? Müssen wir noch Französisch lernen, wenn es bald Live-Übersetzungen gibt? Und brauchen wir einen Personalausweis noch als physisches Dokument?", fragte Simon Marville. "Wir brauchen intelligente Menschen, die sich in einer kulturell hochstehenden Sprache wie Französisch verständigen können", entgegnete Lukas Ott. Er sieht die Gefahr, dass solche Fragen dazu führen können, dass sich der Mensch irgendwann nicht mehr abhebt von der Künstlichen Intelligenz. "Bildung muss in jeder Beziehung über allerhöchstes Prestige verfügen", betonte Ott.

Regulierung sei notwendig, meint André Marker

"Sind die Regulierungen zu restriktiv oder werden wir von der Digitalisierung überrollt?", fragte Regula Ruetz. Jörg Lutz verwies auf die Diskrepanz zwischen der Datenschutz-Grundverordnung und dem Umstand, dass jeder mit Google und Handy-Apps seine Daten bedenkenlos umher streut. Große Unternehmen kommen mit der Digitalisierung gut klar. Defizite gebe es bei kleinen und mittleren Betrieben, hier finde ein Verdrängungswettbewerb statt, sagt Ott.

Regulierung sei notwendig, sagte André Marker, weil viele Unternehmen nicht auf soziale Belange achten und weil die großen Internetfirmen Informationsmonopole aufbauen. Aus einem Verkäufer einen IT-Spezialisten zu machen sei indessen wohl schwierig, meinte Regula Ruetz. Man werde aber auch künftig noch andere Leute außer IT-Spezialisten brauchen, stellte Jan Olaf fest. Simon Marville weiß, dass man irgendwann keine Briefträger mehr braucht. Sie mit anderen Aufgaben zu betrauen, wie Strom ablesen oder Essen ausliefern, werde von der Gesellschaft aber nicht akzeptiert. "Wir müssen integrale, umweltverträgliche und menschengerechte Lösungen finden", sagt Lukas Ott. Der Umgang mit Daten müsse transparent und kontrolliert geschehen.

Thomas Berger sagte, es komme darauf an, den Menschen Gestaltungsraum zu geben. "Wir dürfen uns den Schneid nicht abkaufen lassen, denn jeder, der ein Smartphone hat und zehn Apps, der hat seine Daten längst weltweit bekannt gegeben", stellte André Marker fest. Regula Ruetz gab am Ende die Parole aus: "Die Veränderung wird kommen – gestalten wir sie mit!"
Das Wirtschaftsforum wird veranstaltet von Metrobasel und tagt jährlich in Lörrach. Metrobasel, der Kurzname für die trinationale Metropolitanregion Basel, ist Plattform, Think Tank, Stimme und Akteur für die Entwicklung der Metropolitanregion Basel. Es initiiert Studien und Projekte in den Bereichen Regulierungen von Schlüsselbranchen, Forschung und Bildung, Verkehr, Energie und Umwelt, Raumentwicklung und metropolitane Lebensqualität, Kulturangebot und Kreativwirtschaft. Metrobasel tritt ein für die Sicherstellung und Fortsetzung der Metrobasel-Erfolgsgeschichte im internationalen Wettbewerb der Metropolitanregionen.