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Mirjam Stöckel

Von Mirjam Stöckel

Sa, 21. März 2020

Deutschland

Deutschland kann Epidemiologen zufolge die Kurve zur Bewältigung der Coronakrise noch kriegen – aber nur noch zwei Wochen lang.

Deutschland hat noch knapp zwei Wochen, um eine Überlastung seines Gesundheitssystems durch eine Vielzahl an Covid-19-Patienten abzuwenden. Das ist die gute Nachricht, die sich aus einer mathematischen Modellrechnung der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi) herauslesen lässt. Innerhalb dieser Zeit muss demnach sichergestellt werden, dass ein mit dem Virus Sars-CoV-2 Infizierter im Schnitt nicht mehr zwei bis drei Menschen ansteckt, sondern höchstens 1,2. Die Experten halten es gar für möglich, die Epidemie völlig einzudämmen. Dann, wenn die Politik sehr rasch langfristige Maßnahmen einführen würde, um alle Sozialkontakte auf das Nötigste zu reduzieren – und die Ansteckungsrate auf unter 1 gedrückt würde. Die Modellrechnung der DGEpi gilt unter Experten als wichtige Prognose für Deutschland in der Coronakrise.

Gelingt es nicht, die Weitergabe des Virus deutlich zu reduzieren, werden viele Menschen gleichzeitig schwer krank. Die Krankenhäuser hätten weder ausreichend Betten noch Personal – und können, ähnlich wie bereits in Italien, nicht mehr alle Kranken versorgen.

Die schlechte Nachricht ist: Es könnte dafür noch drastischere Maßnahmen brauchen als bisher. Die Zahl derer, die ein Infizierter durchschnittlich ansteckt, sei durch die bislang getroffenen Schutzmaßnahmen in Deutschland bereits gesenkt worden, sagen die Wissenschaftler – aber um wie viel genau, das sei unklar. "Wir sind noch nicht über dem Berg", sagte Rafael Mikolajczyk, Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik in Halle an der Saale und Autor der Stellungnahme. "Um die Ausbreitung des Virus völlig in den Griff zu bekommen, ist es auch entscheidend, wie die Gesellschaft die Regeln befolgt und sich einschränkt. Je mehr das verstanden wird, um so weniger müssen die Maßnahmen verschärft werden." Wenn sich jetzt also nicht genügend Menschen freiwillig an die Regeln halten, muss es nach den Berechnungen der Experten drastischere Maßnahmen geben – wie strikte örtliche oder nationale Ausgangsbeschränkungen wie in Italien, Frankreich oder Belgien. Dort darf man das Haus nur mit triftigem Grund verlassen, etwa, um zur Arbeit zu gehen, zum Arzt oder zum Lebensmitteleinkauf.

Es sei außerdem damit zu rechnen, so die Einschätzung der DGEpi, dass die getroffenen Maßnahmen über mehrere Monate aufrechterhalten werden müssten, um eine völlige Eindämmung der Infektionsausbreitung zu erreichen.

In Großbritannien wurde vor einigen Tagen eine ähnliche Modellrechnung veröffentlicht: Ohne Kontrollmaßnahmen könnte Covid-19 dort 500 000 Menschenleben kosten. Nur wenig später verkündete Boris Johnson – der sich zuvor dagegen gesperrt hatte –, zumindest die Schulen zu schließen. Gut möglich, dass die neue Studie aus Deutschland eine Rolle beim Treffen von Bund und Ländern am Sonntag spielt, bei dem auch über eine weitergehende Beschränkung der Bewegungsfreiheit gesprochen werden soll.