Der Blick des Mannes auf die Frau

Claudia Müller

Von Claudia Müller

Fr, 26. April 2019

Vogtsburg

"Damenwahl" hieß das Motto, unter das Dirigent Siegfried Rappenecker das Osterkonzert der Winzerkapelle Oberbergen gestellt hat.

VOGTSBURG-OBERBERGEN. "Damenwahl" hatte sich Siegfried Rappenecker als Thema für sein erstes Osterkonzert mit der Winzerkapelle Oberbergen ausgesucht. Auch unter dem neuen Dirigenten musizierte das Blasorchester auf seinem gewohnt hohen Niveau. Eine Premiere gab es auch bei den Jungmusikern, denn erstmals dirigierte Thorsten Meier die Jugendkapelle Oberbergen-Oberrotweil.

Damenwahl, das hieß Stücke über Frauen und Stücke von Frauen. Ersteres dürfte bei der Programmauswahl kaum Probleme bereitet haben. Im Verlauf der Musikgeschichte ist ein wohl unerschöpflicher Fundus an Werken entstanden, in denen Männer Frauen besingen, in denen männliche Komponisten Stücke über Weiblichkeit schreiben.

Großer Genuss
Dass auch die Musikgeschichte vorrangig eine Geschichte des Mannes ist und mehr Komponisten als Komponistinnen kennt, ist sattsam bekannt. Die Winzerkapelle hat ihren Teil dazu beigetragen, um daran etwas zu ändern, und Blasorchesterwerke ins Programm genommen, die im 20. Jahrhundert von Frauen geschrieben wurden. Einen eigenen Reiz bieten aber gerade auch jene Stücke, in denen der Blick des Mannes auf die Frau als das Andere musikalisch Form gewinnt, und ein großer Genuss ist die Farbenpracht, die die Oberbergener Musiker dem Bild verleihen, das aus diesem Blick entsteht.

Georges Bizets Carmen, die feurige Spanierin, leidenschaftliche und untreue Geliebte, oder die entsagungsvoll liebende und aufopferungsvolle Mutter Kim, die Titelheldin "Miss Saigon" im Musical von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg, sind Frauenfiguren, die das Zentrum wunderschöner musikalischer Mythen bilden. Die Winzerkapelle hat für ihr Osterkonzert Arrangements der beiden Musiktheater als sinfonische Dichtungen vorgetragen (Carmen Quadrille, Miss Saigon).

Der Mythos, der Blick auf ein Faszinosum, war dabei auch für andere Stücke auf dem Programm der kompositorische Ausgangspunkt. So schrieb die französische Komponistin Ida Gotkovsky ein gewaltiges, archaisch-fremdes Stück über ein keltisches Feuerritual (Poème du feu), die Amerikanerin Julie Giroux besingt in sprechenden Rhythmen und mit heroischem Bläsergeschmetter den hoffnungslosen, doch stolzen Freiheitskampf der Schotten (Culloden aus: Symphonie Nr. 1), die Jungmusiker führten Michael Sweeneys Klanggemälde auf, in dem der amerikanische Komponist von der sagenumwobenen Stadt Aztalan in den Tiefen des Dschungels erzählt.

Vielgestaltig und vertraut
Das Geheimnis des Mythos ist sein Bedeutungsreichtum. So dicht, so vielgestaltig und zugleich so vertraut ist dieses mythische Gewebe, dass schon ein kleiner Hinweis genügt, um den ganzen Mythos - gerade wie das keltische Feuer – heraufzubeschwören und so immer und immer wieder von Neuem am Leben zu erhalten.

Die musikalische Mythenbeschwörung in Oberbergen war ein großes Vergnügen. Plastisch und eingängig, wie das vielleicht nur symphonische Blasorchester können, machte die Winzerkapelle den Mythos gegenwärtig und zeigte sich dabei erneut ebenso spielfreudig wie spielstark.

So ist es nämlich die eine Sache, dass die musikalischen Mythen dankbare Motive liefern. Etwas ganz anderes ist es, diese wechselhafte musikalische Charakteristik auch überzeugend zu gestalten und die anspruchsvollen Passagen am Instrument, im Register und im Orchester zu meistern. Präzise und diszipliniert, in einem hinreißenden Zusammenspiel, ließen die Musiker die Mythen um die Frau und das Fremde aufleben und erlaubten ihren Zuhörern auf diese Weise ein fasziniertes Miterleben.

Termin: Das Osterkonzert der Oberbergener Winzerkapelle wird am morgigen Samstag, 27. April, 20 Uhr, in der Festhalle erneut aufgeführt. Der Eintritt kostet für Erwachsene 9 Euro, für Kinder bis 14 Jahre 7 Euro.