Der Federkern vom Feinsten

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

Sa, 16. März 2019

Klassik

Im Basler Gare du Nord wird "Aus dem Leben einer Matratze bester Machart", ein horizontales Musiktheater von Leo Dick, aufgeführt.

Raus aus Heinrich Heines "Matratzengruft" und rein in Leo Dicks "Horizontales Musiktheater"! Wo? In der Gare du Nord. Wann? Am kommenden Dienstag um 20 Uhr. Warum? Weil dann die Zuschauer in einer Stimm- und Instrumentalperformance etwas "Aus dem Leben einer Matratze bester Machart" erfahren. Und das wird bestimmt höchst unterhaltsam, denn Tim Krohns in acht Kurzgeschichten erzähltes "Matratzenleben", das dem Berner Komponisten Leo Dick als Libretto für seine Kammeroper diente, ist ein grotesk-heiteres Lesevergnügen, versetzt mit den gelegentlichen maliziösen Anspielungen, wie sie einst Friedrich Dürrenmatt machte und heute zu Christoph Marthalers Theater gehören.

September 1935. Immanuel Wassermann, ein Jude, dem in Berlin die Firma "Isabella Wasserfarben – klar, rein, leuchtend" gehört, findet auf der Versammlung der Freigeister auf dem Monte Verità nicht die Resonanz, die er erwartet hatte, und fährt allein nach Locarno, um sich zu amüsieren. In der Osteria del Nonno lernt er die junge Sizilianerin Gioia mit grünen Augen kennen, die hier als Kellnerin arbeitet. Sie verlieben sich auf der Stelle und beschließen zu heiraten. Am nächsten Tag, auf der Rückfahrt nach Berlin, übernachten sie im Leonhardshof bei Stuttgart, und ihr Glück verdoppelt sich: die Pension hat neue Matratzen geliefert bekommen, beste schwäbische Wertarbeit, gerade recht für ihre Hochzeitsnacht. Doch in der nimmt die Matratze so blutigen Schaden, dass Wassermann sie dem Wirt abkauft. Zurück in Berlin, es ist der September 1935, wird ihre Ehe aufgrund der Nürnberger Gesetze nach zwei Tagen annulliert. Fortan begleitet die Matratze zuerst Gioias Leben in Schaffhausen, dann, der Krieg ist vorbei, Simon und Mirtha, Rosi und Heinz Stadler, kommt zu Sibylle im Schnee von Andermatt, in Rom schläft die mannlose Katechetin Katharina Kruse auf ihr, dann rettet sich Giacomo Neri auf ihr vor dem Ertrinken im Mittelmeer. Wir schreiben das Jahr 1992, da lebt Immanuel Wassermann in Beaulieu nahe Nizza und findet am Strand die Reste einer alten Matratze, und der ausgewaschene Blutfleck erinnert ihn an Gioia… damals, lang ist’s her…

Leo Dick, 1976 in Basel geboren, der in Berlin Komposition und Musiktheaterregie studierte, danach Meisterschüler von Georges Aperghis in Bern wurde, wo er heute lebt und lehrt, hat mit seinen Produktionen beachtliche Erfolge. Nun also, nach der Davoser Uraufführung, sein "horizontales Musiktheater" in der Gare. Gefragt, was ihn an Krohns Texten gereizt habe, antwortet er: Zum einen das "Ding" Matratze, dasjenige, auf dem wir geboren werden, schlafen, träumen, uns lieben und sterben; insofern ist sie "eine Metapher fürs Leben". Zum andern, dass in Krohns acht Texten, die 1935 beginnen und 1992 enden, Zeitgeschichte und Zeitgeschichten erscheinen, sich also ein "Stück Welttheater" ereignet.

Kammeroper als "Sommernachtstraum"

Und das zum Klingen zu bringen, sei sein Metier, denn ihn interessiere, wie Theater und Musik zusammenfinden. Tim Krohn gab ihm carte blanche, und Dick hat seine Texte akzentuiert, auch verkürzt, bestimmte Aspekte zugespitzt und als objets trouvés dokumentarische Berichte von Radio Beromünster eingefügt. Er versteht seine Kammeroper als "Sommernachtstraum". Und zu dem gehören Krohns/Dicks gelegentliche ironische Brechungen nach Schweizer Art.

Was erwartet die Besucher am Dienstagabend noch? Das Spiel von zwei Paaren (Stimmperformance) und drei Instrumentalisten (Geige, Klarinette(n) und Keyboard). Die Szenographie besorgt Tassilo Tesche, die Klangregie Cyrill Lim. Und wer nach den zirka 70 Minuten noch Lust hat zu bleiben, ist zu einem Pot au feu eingeladen.

Termin: "Aus dem Leben einer Matratze bester Machart", horizontales Musiktheater von Leo Dick, Dienstag, 19. März, 20 Uhr, Gare du Nord, Schwarzwaldallee 200, Basel