Musik

Der pädagogische Schaden ist größer

Karin Karle

Von Karin Karle (Bollschweil)

Sa, 18. Juli 2020

Leserbriefe

Zu: "Unterricht ohne Abstandsregeln", Beitrag von Axel Habermehl (Politik, 9. Juli)
Ich mache mir große Sorgen, weil das Singen in unserer Gesellschaft immer mehr den Stempel "gefährlich" trägt. Es steht außer Frage, dass beim Singen Tröpfchen und Aerosole entstehen. Diese entstehen aber auch beim normalen Sprechen und beim normalen Atmen, immer dort, wo Menschen zusammen sind. Selbst wenn beim Singen mehr Aerosole ausgeschieden werden als in anderen Alltagssituationen, ist es meiner Meinung nach, was das allgemeine Wohlbefinden betrifft, gefährlich, nicht zu singen.

Singen ist gesund, es fördert die Ruhe und Ausgeglichenheit des einzelnen, den Ausgleich von Puls und Herzschlag, es unterstützt die Atmung. Wissenschaftlich ist längst erwiesen, dass das Singen das Immunsystem stärkt, es fördert die Konzentrationsfähigkeit und das mathematische Denken. Außerdem macht es Spaß und stärkt das Selbstbewusstsein. Beim Singen werden Glückshormone produziert, denn auch die emotionale Ebene wird angesprochen. Das Singen in einem Chor fördert und prägt Eigenschaften wie Ausdauer, Konzentration und soziales Verhalten, indem man aufeinander hört, aufeinander achtgibt, miteinander singt.

Diese Eigenschaften besonders bei Kindern zu fördern, ist unbedingt notwendig. Gerade im Kindergarten- und Schulbereich ist es unersetzlich, dass mit Kindern gesungen wird: Ein Begrüßungslied gehört zum täglichen Ritual, das für Kinder wichtig ist. Einen Ersatz für ein Geburtstagsständchen gibt es nicht. Und jede Grundschullehrerin und jede Erzieherin weiß, dass ein Lied zur Auflockerung oder zur Beruhigung "zwischendurch" Wunder bewirken kann.

Ich war froh zu lesen, dass nach den Ferien die Schulen ohne Abstandsregeln öffnen sollen. Aber ich war schockiert über folgende Sätze: Es sollen alle Fächer im normalen Zeitumfang unterrichtet werden, auch Sport. Im Fach Musik aber sind Singen und das Spielen von Blasinstrumenten verboten. Wenn Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler ohne Abstandsregeln in einem Raum zusammen sind, ist es unverständlich, warum nicht gesungen und nicht musiziert werden darf. Da Aerosole sowieso ausgeschieden werden, wird die Ansteckungsgefahr durchs Singen nicht mehr größer. Ich schreibe als Musikerin und Mutter von schulpflichtigen Kindern: Der pädagogische Schaden der Entscheidung ist größer als die momentane Ansteckungsgefahr. Karin Karle, Bollschweil