Der Sommer darf tanzen

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 24. März 2019

Rock & Pop

Der Sonntag Stimmenfestival Ein starker Marktplatz, Klassik-Galas in Binningen und großer Pop.

Iggy Pop, George Ezra und Joe Jackson: Das Stimmen-Festival 2019 hat ein starkes und attraktives Popsegment. Dazu gibt es drei Roots-Konzerte, Funk, Soul und Americana. Und der neue Spielort Binningen bietet Klassik-Galas.

Der Lörracher Burghof macht die Türen auf. Wörtlich, denn zum Eröffnungskonzert des Stimmenfestivals am 4. Juli sollen alle Festivalfans wie früher auch einfach auf einen Drink vorbeikommen können, erklärte Markus Muffler bei der Programmvorstellung am Mittwoch. Diese war erstmals für alle Interessierten geöffnet – ein Zeichen nach den Diskussionen, ob sich das Festival noch ausreichend für die Menschen in der Stadt interessiert. Doch die kamen nicht. Ob es an der für Publikum frühen Zeit (18 Uhr) lag, wie Muffler vermutete, bleibt Spekulation. Vielleicht wurde die Einladung aber schlicht viel zu wenig kommuniziert.

So erfuhr vor allem der übliche Kreis aus Presse, Sponsoren und Partnern, dass das Programm noch eine Überraschung in petto hatte, obwohl es in weitesten Teilen schon bekannt war: Es gibt einen neuen Spielort in der Schweiz, den Schlosspark Binningen. Die Gemeinde sei an das Festival herangetreten, zwei neue Sponsoren federn Kosten und Wetterrisiken ab, die das Festival zuletzt reduzieren wollte. Den Schlosspark mit 700 Sitzplätzen (und 100 Karten für Flaneure) bespielt das Basler Sinfonieorchester unterhaltsam: Die international sehr gefragten Olga Peretyatko und Dmitry Korchak singen eine Belcanto-Gala, Natalie Karl und Michael Pflumm opulent arrangierte Film-Evergreens. Auch zwei klassische Klassikkonzerte sind im Programm: Miriam Feuersinger und der Lautenist Julian Behr bringen Songs aus dem englischen und deutschen Barock in die Kirche St. Ottilien, wo auch White Raven ihre irischen Lieder singen. Schwergewicht ist aber L’Orfeo, eine der ersten Opern der Musikgeschichte über den berühmtesten Sänger der Antike, konzertant im Burghof, mit der die Lauttencompagney ihre Monteverdi-Trilogie beschließt.

Im Rock und Pop sticht das Stimmen-Festival den Freiburger Regionalrivalen ZMF diese Saison aus: Da ist zum einen Iggy Pop, den Muffler zu Recht in die Reihe der großen Legenden des Festivals stellt. Jüngere Semester können sich über die deutschen Revolverheld sowie den Brit-Award-dekorierten George Ezra freuen, der mit einer für Chartpop ungewöhnlichen Stimme gesegnet ist. Getanzt werden darf mit Jan Delay & Disko No.1, und mit Beirut kommt ein stilistisch vielseitiger Vertreter des anderen Amerika auf den Marktplatz.

Echte Americana gibt es auf dem Domplatz Arlesheim, wenn die Tex-Mex-Melancholiker Calexico ihre Stimmen-Treue beweisen, aber vor allem ihre Zusammenarbeit mit Iron&Wine wieder aufnehmen, der großartig-zarte Songs des Vollbartfolk genauso beherrscht wie souligen Alabama-Groove. Das Electro-Duo Morcheeba knüpft mit neuem Album wieder an seine Hochphase um die Jahrtausendwende an.

Anspruchsvollen Pop und Charisma verbindet der legendäre Joe Jackson, der die eigenen stilistischen Häutungen auf seinem neuen Album selbst besichtigt. Wie er tritt auch die Songwriterin Cat Power im Lörracher Burghof auf, wo die kubanische A-cappella-Gruppe Vocal Sampling im Eröffnungskonzert zeigt, was mit der menschlichen Stimme möglich ist.

Im Rosenfelspark Lörrach wird das Festival dann mit sechs Abenden beschlossen. Mit dabei Die Höchste Eisenbahn aus Berlin mit schlauem Indie-Rock – die Masterminds der Band sind Local Heroes Moritz Krämer und Ex-Tele-Mann Francesco Wilking. Funky wird es mit Judith Hill, die dänischen D/troit versprechen eine schweißtreibende Motown-Soul-Party. Ihre Mischung aus creolischen Roots, brasilianischen Rhythmen, Pop und Chanson unterlegt Mayra Andrade von den Kapverden neuerdings mit dezenter Afro-Electronic. Eine noch modernere Spielart der Weltmusik verspricht mit Nakhane ein Shootingstar der LGTBQ-Szene, dessen Mix aus südafrikanischer Tradition mit Dance und Electro schon Antony Hegarty (Ahnoni) hat aufmerken lassen. Hier hätte man auch Sudan Archives hier erwartet, die mit Fiddle, schwülen Club-Electronica und viel Körpereinsatz eigentlich viel zu heiß ist für die Reithalle im Riehener Wenkenpark, die bisher nicht als Partyzone bekannt ist. Das Festival beschließt der charismatische Schauspieler Kiefer Sutherland mit seinem souligen Country-Rock.

Eine schöne Tradition ist Stimmen on Tour, die Vorfestival-Tournee, die das Ein-Mann-Orchester And The Golden Choir und Mikaela Davis als singende Visitenkarten zu Gratiskonzerten ins ambitionierte Kulturhotel Guggenheim Liestal bringt, außerdem in den Werkraum Schöpflin nach Brombach, ins Café Verkehrt nach Murg, ins Freiburger Babeuf und zum Sponsor Rothaus in den Schwarzwald.

Eine Premiere ist der Aufruf an junge Bands, die sich bis 2. Mai bewerben können, um bei einem Wettbewerb einen Auftritt und 500 Euro Gage zu gewinnen. Ähnliches macht auch das Metalfestival "Baden im Blut" – bei Stimmen ist allerdings die Bühne größer: Die Sieger stellen sich als Vorband den Fans von Jan Delay auf dem Lörracher Marktplatz.

Zu den lauten Konzeptdiskussionen nach dem Sommer 2018 war nichts zu hören. Hinter den Kulissen soll sich dazu eine Arbeitsgruppe bilden.