Prostitution

Der Straßenstrich in Straßburg: Europas Gehsteig

Michael Neubauer

Von Michael Neubauer

Sa, 18. September 2004 um 00:00 Uhr

Straßburg

Sklavinnen-Strich in der Europastadt: Die Mädchen stehen in engen Röcken am Quai Louis Pasteur. Beim Geschäft mit der Prostitution in Straßburg nutzen Zuhälterbanden geschickt die Grenzlage aus

Die Mädchen stehen in engen Röcken am Quai Louis Pasteur. Autos fahren langsam an ihnen vorbei. Männer mustern gierig ihre Figuren, Gesichter, Oberweiten. Manche halten an, Seitenfenster fahren herunter, Worte werden gewechselt. Ein Mädchen steigt ein und lotst den Freier ums nächste Eck auf einen dunklen Parkplatz. Hundert Meter entfernt steht erleuchtet das Polizeihauptquartier, nebenan die Straßburger Stadtverwaltung. Licht aus, Motor aus, Bezahlung, Hose runter, Präservativ rauf.

Für sein Geld bekommt er um die zehn Minuten Zeit. Sex kostet 50 Euro, die Hand und der Mund der Prostituierten 30 Euro. Danach steigt sie aus und läuft zurück an die Straße. Der Freier schaltet das Autolicht erst ein, als er wieder auf die Straße fährt.

Viktoria schaffte den Ausstieg. Es ist Nachmittag, sie sitzt im Appartement des Vereins "Le Nid", das Nest, durch die großen Fenster sieht sie die Ill und die Fachwerkhäuser der Innenstadt. Im Flur der französischen Hilfsorganisation für Prostituierte baumelt ein Herzkissen mit einem Fragezeichen darauf. Im Eck warten in Postfächern Briefe und Karten auf die Mädchen. Bei Le Nid können Prostituierte in Ruhe reden, über ihre Nächte auf dem Gehsteig, über Alltags- und Behördensorgen oder über ein mögliches Ende des Hurenlebens.

Viktoria heißt in Wirklichkeit nicht Viktoria, aber sie hat Angst, dass ihr einstiger Zuhälter sie erkennen könnte. Denn die Bulgarin will nicht mehr auf den Strich und wartet momentan in Straßburg auf ihren Prozess, in dem sie gegen ihren Zuhälter aussagen will. "Ich bin doch jung und habe das Leben noch vor mir", sagt die 21-jährige schmale Frau mit schwarzem Haar und starker Brille.

Prostitution in Straßburg
Vor Monaten noch verkaufte sie ihren Körper auf Straßburgs Straßen. Der Weg dorthin begann zu Hause in Bulgarien. "Ich habe meine Menschenwürde schon verloren, bevor ich mich prostituierte." Viktoria ist in ihrem Heimatdorf von einer Gruppe Männer vergewaltigt worden, Männer, die sie kannte, Nachbarn und Bekannte. "Nach diesem Erlebnis habe ich meinen Körper als schmutzig empfunden."


Sie ging nicht zur Polizei, "sonst hätte meine Familie Ärger bekommen". Schon früher hat sie immer wieder Angebote bekommen, im Westen als Prostituierte zu arbeiten, manche Dörfer würden dort ganz von der Zuhälterei leben, sagt sie. Immer hatte sie abgelehnt, doch nach der ...

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