Der Stress auflösende Zauber exzellent gespielter Musik

Ulrike Le Bras

Von Ulrike Le Bras

Mo, 18. Oktober 2021

Offenburg

Doppelt so viele Tickets hätte das KiK verkaufen können für das begeistert aufgenommene Konzert des Zipflo Reinhard Quartetts.

(ulb) Die Prämisse für einen Konzertbericht über musikalische Virtuosen wie das Zipflo Reinhard Quartett ist klar: so wenig notwendig es ist, die Fähigkeiten eines Sternekochs zu loben, so wenig ist es vonnöten, zu betonen, dass sowohl der Meister der Jazz-Geige Zipflo Reinhard, wie auch seine Mitspieler Maiki Adel (Gitarre), Yves Gissy (Schlagzeug), und Jean-Luc Miotti(Kontrabass) ihre Instrumente mit schlafwandlerischer Sicherheit beherrschen, ihnen Töne und Tonfolgen entlocken, die über die Grenzen dessen hinausgehen, was der Laie für machbar hält, kurz: sie können es halt!

Worüber man aber immer noch in höchsten Tönen schwärmen muss, das ist die Wirkung, die diese vier Musiker entfalten. Dies um so mehr, als die äußeren Bedingungen an diesem Abend im KiK nicht einfach waren: "Wir hätten doppelt so viele Tickets verkaufen können" stöhnt Betreiberin Loretta Bös, während sie das Kohlenstoffdioxid-Messgerät kontrolliert, das kurz vor dem Konzert laut zu piepsen beginnt, weil zu viele Leute auf einem Haufen zu viel Atemluft ausstoßen. Also muss gelüftet werden. Der Abend wird fast zum Indoor-Open-Air-Konzert. Es hängt also schon ein bisschen Gereiztheit in der Luft, auch weil manche Besucher sich nicht auf freie Stühle setzen können, weil jemand anders gleich 6 Plätze reserviert hat, aber noch nicht erschienen ist. Und dann ist es neun Uhr, die Band stellt sich in aller Ruhe auf die Bühne, Maiki Adel groovt sich spielerisch auf seiner Gitarre ein, Jean-Luc Miotti zupft wie selbstvergessen ein paar Saiten, Yves Gissy rührt die Snares – dazu gesellt sich Zipflo Reinhard, setzt den Bogen an. Und schon beginnt die Musik zu fließen, erfrischend wie ein Bächlein auf der Wiese, bewegt aber ohne Hast. Und es ergreift die Zuhörer eine unglaubliche Wohligkeit: Muskeln entspannen sich, der Kopf lässt störende Gedanken fallen. Hatte man sich noch vor wenigen Minuten gestresst gefühlt – das ist plötzlich alles weg. Es ist zu beobachten, wie hier ein Paar einander näher rückt, dort eine Ehefrau die Hand auf den Arm ihres Gatten legt, die beiden sich mit einem jugendlich-verliebten Blick anschauen. Es wird geschnipst, der Takt geklopft, genickt, begeistert geklatscht. Das Erstaunlichste: Fast drei Stunden lang stört keiner mit einem lauten Wort den Zauber, den die vier Herren auf der Bühne schaffen. Egal ob bei den Jazz-Standards, Bossa-Nova aus Brasilien, einem Wärme und Dankbarkeit ausstrahlenden Stück über eine Fee namens "Uschi", einem ungarischen Walzer oder einer unglaublich schönen Komposition von Wolfgang Dauner, bei der der Trommler sachte auf dem Becken eine gefühlte aber genüsslich ausgekostete Ewigkeit lang im Zusammenspiel mit dem Kontrabass das witzige "tak-taktaa-tak-taktaa" einer edlen Standuhr imitiert. Jazz vom Feinsten und das Publikum ist entzückt!