Berlin

Nadine und Jutta: Wie aus Ehrenamt Freundschaft wurde

Julia Prosinger

Von Julia Prosinger

Fr, 15. Januar 2016 um 23:59 Uhr

Deutschland

Jutta lebt allein, ihr Sohn kommt nur selten vorbei, sie war oft einsam – dann traf sie Nadine. Wie aus einem Ehrenamt eine dauerhafte Beziehung wurde.

Nadine ruft, alle sollen sich strecken, als wollten sie die Decke erreichen. Sieben Frauen in engen Leggings gehorchen, stöhnen, schwitzen. Rechter Fuß, linker Fuß, Nadine dreht die Anlage lauter, Abba, "Mamma Mia". Sie rennt zur Tür, begrüßt die Nächste, korrigiert hier ein Bein, klopft da auf eine Schulter. Nadine ist draußen, im Leben. Die Chefin eines pinkfarbenen Fitnessstudios in Berlin-Friedrichshagen.

Jutta, zur gleichen Zeit, ruft Guten Appetit. Die Frauen am Tisch starren vor sich hin, als wären sie Figuren in einer Puppenstube. Ob es ihr schmeckt, fragt Jutta die eine. Keine Antwort. Jutta ist drinnen, im Seniorenheim. Um sie herum sind alle dement. Nicht immer ist man zusammen weniger allein.

Drinnen und Draußen, das sind hier getrennte Welten. Aber manchmal weht ein wenig Draußen hinein zu Jutta.

So wie heute, als Nadine Fredow, 36, Jutta Volgmann, 80, im Seniorenzentrum an der Schöneberger Hauptstraße besucht. Ein apricotfarbener Neubau neben dem Lidl, unten das Nagelstudio "Stern". Ob der schöne Granatapfelkuchen für ihn sei, fragt ein Bewohner Nadine im Aufenthaltsraum von Etage 4, wo Winterdeko in den Fenstern klebt und auf den Tischen Spitzendecklein liegen. Jutta weist ihn zurecht: "Das ist mein Besuch!"

Besuch ist hier ein knappes Gut. Juttas Sohn kommt alle paar Wochen vorbei. Unregelmäßig. "Er hat ja sein eigenes Leben." Genügsamkeit war für ihre Generation überlebenswichtig. Ihre Schwester schafft es auch nicht jeden Monat. Wer nichts erwartet, wird nicht enttäuscht. "Die anderen sind doch viel verlassener als ich", sagt Jutta und nickt in Richtung der dementen Damen, die mit den Oberkörpern vor und zurück wanken.

Wenn es eine Ausstellung gibt, eine Lichterfahrt ansteht, dann ist Jutta, die beim Vornamen genannt werden will, immer dabei.

Jutta sagt nie Nein. Damit sie mal rauskommt. "Ich spreche, als säße ich im Gefängnis." Dabei ...

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