Die alte Wucht und Eindringlichkeit

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Di, 16. April 2019

Rock & Pop

Die Rückkehr einer deutschen, international anerkannten Indierockinstitution: Das Konzert der Band Locust Fudge im Freiburger Slow Club.

22 Jahre Pause, da kann man schon mal in Vergessenheit geraten, zumal die Herren seit damals auch in anderen Genres zugange waren. Schneider TM machte sich einen Namen als elektronischer Musiker, Christopher Uhe komponierte fürs Theater und produzierte Bands in Berlin.

Ja, wie die Zeit vergeht. Als die beiden 1991 Locust Fudge gründeten, zählten sie schon zu den Großen hierzulande, in der Diaspora des Indie-, Grunge- oder Experimentalrocks. International anerkannt, da quasi akzentfrei, mit eigenem Ansatz und weiteren interessanten Projekten. Dirk Dresselhaus alias Schneider experimentierte und zerlegte Pop mit der Band Hip Young Things. Christopher "Krite" Uhe startete vor 30 Jahren mit den Speed Niggs, die – Fluch oder Segen? – mal als Detmolder Nirvana bezeichnet wurden und danach zu Sharon Stoned mutierten.

Tatsächlich war Locust Fudge bei ihrer Gründung schon so eine Art All-Star-Projekt, nur dass sich der Personenkult in hiesigen Indie-Kreisen in Grenzen hielt, zumal diese Typen einfach zu bescheiden und volksnah waren für einen Heldenstatus. Trotzdem sind sie natürlich welche, nur weiß das halt niemand mehr oder nur noch wenige scheint es zu interessieren, wie der bescheidene Publikumszuspruch im Freiburger Slow Club zeigte.

Vor einem Jahr erschien das neue Album "Oscillation", das mit der ursprünglichen Intention von Locust Fudge nicht mehr viel zu tun hat, sondern die Klangexperimente weiterführt, mit denen es 1997 auf der Mini-LP "Business Express" aufhörte: Während auf dem Album verschiedene Gäste die Arrangements erweitern, Bläser, Streicher und diverse Rasseln zum Einsatz kommen, beschränkt die Tour-Version die Sounds auf Saiteninstrumente: Schneider und Krite teilen und reichen sich gegenseitig Bässe und Gitarren, vor jedem stehen eine Menge Effektgeräte. Wenn Schneider den Bass spielt, sind die Stücke starrer und rockiger, andersrum pumpt Krites Bass mehr und die Gitarrensounds wirken flächiger und weicher. Chikara Aoshima, halb so alt und mittlerweile festes Bandmitglied, beweist eindrücklich, dass die Schlagzeuger in solchen Konstellationen offensichtlich jung sein müssen, um knappe zwei Stunden Schwerstarbeit durchzuhalten.

Schneider erklärt, wie der Sound zu wirken hat – von unten. Einmal den Körper und die Gehörgänge gut durchpusten und/oder Abheben ist das Ziel, wie die ersten Stücke schnell verdeutlichen. Dazwischen gibt es Witze über die Langsamkeit im Alter von 50 und einen Bühnenarbeiter, der im Zelt hinter den Verstärkern schläft. Das hitverdächtige "Relativity Check" würde auch Sonic Youth gut stehen, das neue Stück "Black Hole" saugt tatsächlich alles ein wie ein schwarzes Loch. Verzerrter Country-Rock inklusive Mundharmonika wie in "Oscillation" erinnert an Neil Youngs beste Momente. Und daran, dass Gitarrensounds nichts von ihrer Wucht und Eindringlichkeit verloren haben. Alte Liebe klingt auch mal rostig oder garstig.