Verschönerungen

Die Corona-Ohnmacht mit kreativer Arbeit bekämpfen

kna

Von kna

Mo, 19. April 2021 um 17:12 Uhr

Liebe & Familie

Zuhause sind wir sicher und geborgen, diesen Bereich können wir kontrollieren und selbst gestalten – und das tut gut.

Gearbeitet und gelernt wird meist zu Hause, Restaurant-, Kino- und Theaterbesuche fallen ebenso aus wie Abwechslung durch große Ausflüge und weite Reisen. Mancher fühlt sich fast schon wie ein Einsiedler. Das Gefühl, der Pandemie und den Inzidenzwerten mit allen Beschränkungen ausgeliefert zu sein, hinterlässt bei vielen ein Gefühl von Ohnmacht.

Wenn nichts mehr im Außen geht, tritt der Mensch den Rückzug ins Private an. Die Soziologie hat für diesen Rückzug von der komplexen und unkontrollierbaren Umwelt in die eigenen vier Wände einen Fachterminus: Cocooning. Zuhause möchte man wenigstens einen Ort im Leben haben, der Sicherheit, Geborgenheit und Wärme ausstrahlt. Damit verbunden ist der Wunsch, diesen privaten Lebensraum im Griff zu haben und gestalten zu können. Psychologen sprechen von Selbstwirksamkeit. Diese kann auch helfen, die pandemiebedingte Lähmung zu durchbrechen und trotz aller Beschränkungen aktiv zu werden.

Das stillgelegte Leben hielten die meisten Menschen nur aus, indem sie tätig würden, beobachtet der Kölner Psychologe Paul Bremer. Viele Freuden und Ablenkungen des ersten Lockdowns – Puzzeln, Kochen, Brettspiele – seien aber inzwischen langweilig geworden, so Bremer. Mit seinen Kollegen vom Rheingold-Institut hat er seit März 2020 rund 5000 Menschen zu ihrer Gefühlslage befragt. Die große Mehrzahl der Interviewten fühlt sich durch das Virus demnach ohnmächtig. Dagegen helfen laut Bremer besonders Betätigungen, die als selbstwirksam und sinnvoll empfunden werden und den Menschen dadurch etwas Perspektive zurückgeben. Durch Verschönerungen im eigenen Heim könne man im Kleinen die eigene Zukunft mitgestalten und "seelische Grundbedürfnisse nach Gestaltung" erfüllen. Besonders die Gartenarbeit helfe, Stress zu reduzieren: "Mit den Händen in der Erde und dem Duft der Kräuter in der Nase merken die Leute, dass sie seelisch gesunden und auch mal wieder durchatmen und auftanken können."

Und so verwundert es nicht, dass Baumärkte und Gartencenter zu den Corona-Gewinnern zählen. Gartencenter verzeichnen laut Jahresbericht des Industrieverbandes Garten (IVG) ein Umsatzplus von 9,4 Prozent, Heimwerkermärkte gar um 16,5 Prozent. Durch fehlende Reisemöglichkeiten sei mehr Urlaub zu Hause verbracht worden, erklärt IVG-Geschäftsführerin Anna Hackstein. Gärten seien mit Pools, Grills, Möbeln und Pflanzen "zu einem Ort der Erholung hergerichtet" worden. Marktforscher Klaus Peter Teipel bestätigt den Trend. Auch der Möbelhandel habe um 13 Prozent zugelegt. Teipel verweist zudem auf eine Studie, nach der durch Corona ein "Jahrzehnt des Zuhauses" eingeläutet worden sei. Demnach sehnen sich die Menschen nach einem sicheren Zufluchtsort. Und weil das Zuhause durch das mobile Arbeiten zunehmend neue Funktionen bekomme, mutierten die eigenen vier Wände zum Lebensmittelpunkt.