Literatur aus der Region

Die Geschichte einer jüdischen Familie aus Sulzburg

Alexander Huber

Von Alexander Huber

Do, 06. Mai 2021 um 12:04 Uhr

Literatur & Vorträge

Heidi Holecek zeichnet in ihrem Buch das Schicksal der jüdischen Familie Bloch: "Meine Großeltern erzählten mir von ihrem Leben in Sulzburg, dem schönsten Dorf der Welt."

Mit diesem Zitat von Sabine Bloch aus einem Brief von 2017 führt Heidi Holecek ihre Leserinnen und Leser an die Familiengeschichte heran, die sie auf den folgenden Seiten detailliert schildern wird.

Es ist eine besondere Geschichte – und auch wieder nicht: Denn eine Familie wie die Blochs aus Sulzburg dürfte es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland häufig gegeben haben. Die Blochs waren Juden – und auch wenn es antisemitische Vorbehalte gab, lesen sich die ersten Seiten wie ein Einblick in eine Idylle. Das kleine Bergbaustädtchen Sulzburg war ein jüdisches Zentrum in Südbaden, Juden und Christen lebten hier im Großen und Ganzen friedlich zusammen.

Holecek stellt die Familie Bloch mit den Stammeltern Lina und Moses anhand eines Familienfotos aus dem Jahr 1931 vor. Damit ist der rote Faden für das Buch vorgegeben – ein so einfacher wie wirkungsvoller Kniff, denn der Autorin gelingt es, auf ganz ungekünstelte, aber sehr sympathische Art den Lesern die Mitglieder der Familie Bloch nahe zu bringen.

Und eben diese Nähe ist es, die das Besondere des Buches ausmacht. Denn die historischen Rahmenbedingungen, unter denen sich die Geschichte der Familie Bloch entwickelte, sind bekannt. Sie aus der Abstraktion einer eher unpersönlichen Geschichtsschreibung zu ziehen, ist die große Leistung dieses Buches. "Mit der Lektüre verändert sich die Qualität unserer Erinnerung", schreibt der Historiker Heiko Haumann im Vorwort.

Von der Sulzburger Idylle zur Nazi-Hölle

Und tatsächlich spürt der Leser alsbald den Kloß im Hals wachsen, wenn ab 1933 aus der Sulzburger Idylle sehr schnell die nationalsozialistische Hölle wird. Wir begleiten die Mitglieder der Familie Bloch von den ersten Schikanen über Internierung in Gurs bis zu ihrem Tod in den Vernichtungslagern oder dem Exil in den USA, das zum Glück vor allem von den Mitgliedern der Enkelgeneration erreicht werden konnte.

Geradezu überwältigend ist die Fülle an Dokumenten, die Heidi Holecek mit Hilfe der Familie Bloch und der Initiative Jüdische Spuren in Sulzburg zusammengetragen hat: Fotos, Briefe, Archivlisten, Behördenschreiben. In einer Zeit, da die letzten Zeitzeugen sich verabschieden, ist ein Buch mit dieser Unmittelbarkeit, aber auch Detailverliebtheit von sehr großem Wert. Nicht nur, aber auch eine empfehlenswerte Lektüre für den Geschichtsunterricht.

Heidi Holecek: Eine jüdische Familie aus Baden. Lebenszeugnisse. Hg. von der Initiative Jüdische Spuren in Sulzburg. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2021. 328 Seiten mit 320 Abbildungen, 19,90 Euro.