Cartoonmuseum Basel

Werke zeichnen ein Bild der russischen Gesellschaft, das der Staat nicht wahrhaben will

Michael Baas

Von Michael Baas

Fr, 30. August 2019 um 15:35 Uhr

Kunst

Das Cartoonmuseum Basel stellt die russische Zeichnerin und Grafikerin Victoria Lomasko in einer Retrospektive vor. Ihr aktuelles Buch kann wohl in Russland nicht erscheinen.

Die ersten 30 Zeichnungen im Erdgeschoss des Basler Cartoonmuseums zeigen Szenen aus einem Gerichtssaal. Da sind Angeklagte in Gitterkäfigen zu sehen, ein skeptisch blickendes Gericht, durch die Kopfbedeckung als konservativ oder orthodox identifizierbare, eifernde Frauen, ein Pope, der durch ein Guckloch spickt. Es sind klar verständliche Motive, viele schwarze Flächen, kräftige Striche, Hell-Dunkel-Kontraste. Die Szenen dokumentieren den Prozess gegen die Organisatoren der Ausstellung "Verbotene Kunst 2006" in Moskau und eröffnen die Ausstellung "Other Russia". Die Schau stellt die durch ihre Bücher auch international beachtete russische Zeichnerin und Grafikerin Victoria Lomasko vor, die die Entwicklung ihres Heimatlandes und die zunehmende Bevormundung dort seit 15 Jahren als Chronistin festhält.

Wieder mit Zensur konfrontiert

Victoria Lomasko, 1978 in Serpuchow, einer knapp 100 Kilometer südlich von Moskau gelegenen kleinen Großstadt, geboren, lebt mittlerweile in Moskau; sie ist in Russland inzwischen ebenfalls mit Zensur konfrontiert. Ihr neues, hierzulande 2018 veröffentlichtes Buch "Die Unsichtbaren und die Zornigen" kann im Putin-Russland wohl nicht erscheinen, schildert die Kuratorin und Museumsleiterin Anette Gehrig.

Das gibt früheren Arbeiten Lomaskos wie die Dokumentation der "Verbotenen Kunst" eine zusätzliche Bedeutung. Konkret schildern diese Zeichnungen jenen Prozess gegen die Ausstellungsmacher, die alle in einem Jahr von der Zensur beanstandete Arbeiten nur durch Gucklöcher sichtbar machten, darüber ihrerseits ins Visier der Behörden und der klerikalen Orthodoxie gerieten und instrumentalisiert wurden für einen Schauprozess, den Lomasko in ihrer künstlerischen Bildreportage (erschienen 2103 beim Verlag Matthes & Seitz) dokumentiert hat.

Künstlerin in Basel

"Visuelle Stenografie" nennt der Wandtext den Ansatz teilnehmender Beobachtung, der auch eine Reportage zum Prozess gegen die Punkband Pussy Riot 2012 prägt. Lomaskos Vorbilder sind offensichtlich: Zum einen knüpfen die zwischen Fakten und Fiktionen oszillierenden Szenarien an die gezeichnete Gerichtsreportage an, wie sie Honoré Daumier im 19. Jahrhundert kreierte; zum anderen verweisen sie auf künstlerische Traditionen der Sowjetunion. Diese wolle sie nicht verleugnen, erläutert Lomasko, die parallel zur Ausstellung für vier Wochen als Artist in Residence im Basler Atelier Mondial arbeitet. Im Gegenteil: Sie definiert sich als "letzte sowjetische Künstlerin", wie sie in der Presseführung betonte – wobei es um formale, nicht inhaltliche und ideologische Linien gehe, aber auch um den biografischen Kontext.

Das verdeutlichen weitere Stationen der Ausstellung, die Subkulturen und Randgruppen der russischen Gesellschaft in den Blick nehmen – "Other Russia", wie es der Titel sagt: von den Insassen von Jugendstraflagern über das Leben in der Provinz bis zu Wander- und Sexarbeiterinnen. "Ich habe Abitur, ich putze doch keine Treppenhäuser", erklärt eine junge Frau, wieso sie sich prostituiert. Mit Wladimir Putins erneuter Kandidatur als Präsident gerieten weitere Typen unter Lomaskos Zeichenstift, in der Übersetzung als die "Zornigen" bezeichnet – eine Chiffre für Diskriminierte, Aufbegehrende, Bürgerrechtler, Lesben und Schwule oder auch Protestler wie die Lkw-Fahrer, die sich gegen horrende Straßennutzungsgebühren wehrten, Vertrauen zur Reporterin fassten und die "Verrückte mit dem Zeichenblock" als nützlich identifizierten, berichtete sie in Basel. Die "visuelle Stenografie" weitet sich zu einer "visuellen Essayistik" in einem auch vom deutschen Expressionismus inspiriertem Stil aus; er prägt einzelne Szenen aus der LBQT-Community.

Weitere Spots beleuchten Reisen, die die Transformationsprozesse im post- sowjetischen Raum buchstabieren. Gestreift wird die sowjetische Vergangenheit – in symbolischen, poetischen, fast poppigen Formen. Schlusspunkt ist ein großes, von der Künstlerin eigens für die Ausstellung kreiertes Wandbild, das in Anknüpfung an die sowjetische Propagandamalerei und ausgehend vom Symbol des Baums ein Panaroma der russischen Geschichte skizziert, dabei den Bogen vom zaristischen über das sowjetische bis zum zeitgenössischen Russland spannt. "Geronnene Poesie" nennt Lomasko die vielfältig aufgeladene Allegorie – und sie hält Lenin für lebendiger "als alle Lebenden", wie sie anmerkt.

Victoria Lomaskos Werk zeichnet im buchstäblichen Sinn ein Bild Russlands und seiner Gesellschaft, das der russische Staat nicht wahrhaben will, das aber auch hierzulande unterbelichtet ist – schon deshalb ist die Ausstellung wichtig und sehenswert.