Die Schreibtischtäter

Stephan Kuß

Von Stephan Kuß

Sa, 01. August 2009

Deutschland

"Vernichtung lebensunwerten Lebens" – vor 70 Jahren begannen die Euthanasie-Morde. Die Idee lieferten zwei renommierte Freiburger Professoren / Von Stephan Kuß

Sie treffen sich in den Wintermonaten des Jahres 1920, um eine Broschüre zu verfassen – der Direktor der Psychiatrischen und Nervenklinik Freiburg, Alfred Hoche, und der emeritierte Strafrechtsprofessor Karl Binding. Das Bändchen bereitet den Weg zum zehntausendfachen Massenmord. "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form." So heißt die Schrift, durch welche die beiden Professoren, schon damals anerkannte Koryphäen, grausigen Ruhm erlangen. Nach allem, was man weiß, finden die Treffen im Hause Hoche statt. Hier, in der Beletage der Weiherhofstraße 6, entstehen die Gedanken, die die Nazis später aufgreifen, radikalisieren und in unverwechselbarem Zynismus "Euthanasie" nennen werden. Ein Gesetzentwurf übernimmt Formulierungen aus der "Freigabeschrift". Doch ein förmliches Gesetz verabschieden die Nazis nicht. Man tötet verdeckt, ohne sich jedoch bei der Geheimhaltung große Mühe zu geben.

Die Bevölkerung kennt bald die roten Reichspostbusse, mit denen die geistig und körperlich Behinderten abtransportiert werden. Nach Grafeneck, Hartheim, Sonnenstein oder Hadamar. Keine Heilanstalten mehr, sondern Todesanstalten. Etwa 250 000 Menschen werden vergast, vergiftet, ausgehungert. Die Kirchen protestieren. Im Sommer 1941 predigt Bischof Galen in Münster gegen das feige Töten. Wenn man "unproduktive" Mitmenschen umbringen dürfe, sagt er, dann sei bald auch der Mord an allen freigegeben. Galen sagt tatsächlich freigegeben. Auch er kennt die Schrift der beiden Professoren.

Jetzt, 1920, in der schlecht beheizten Herdermer Wohnung, wird Hoche wohl nicht mit einer solchen Wirkung rechnen. Aber er scheint schon etwas zu ahnen. Eine neue Zeit wird kommen, die aufhören wird, die Forderungen eines überspannten Humanitätsbegriffes und einer Überschätzung des Wertes der Existenz schlechthin umzusetzen. Das schreibt er zum Ende seines Beitrags. Hoche, als Psychiater, verfasst die "Ärztlichen Bemerkungen". Der Strafrechtsexperte Binding übernimmt die "Rechtlichen Ausführungen". So teilen sie sich die Arbeit ...

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