Ich höre Ihnen zu

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 22. Februar 2021

Computer & Medien

Die Arte-Serie "In Therapie" hat sich beim Sender zum Quotenhit entwickelt – dabei geht es nur um psychotherapeutische Sitzungen.

Ein – um es euphemistisch zu sagen – nicht mehr junger Mann mit melancholischen, zugleich aber sehr wachen Augen in einem bequemen Sessel, ihm gegenüber auf einem roten Samtsofa in schöner Regelmäßigkeit wiederkehrend verschiedene Menschen, es sind, genau gesagt, fünf an der Zahl: Was soll daran spannend sein? Die Frage kommt fast zwingend auf, denn in der zur Zeit auf Arte ausgestrahlten Serie "In Therapie" wiederholt sich tatsächlich 35 Mal dasselbe Setting: Es klingelt. Der Psychotherapeut Dr. Philippe Dayan (Frédéric Pierrot) empfängt in seinem wohnlichen Pariser Behandlungszimmer mit der an seinen großen Vorgänger Sigmund Freud gemahnenden Couch seine Patienten: die Chirurgin Ariane (Mélanie Thierry), den einem Sonderkommando angehörenden Polizisten Adel Chibane (Reda Kateb), die 16jährige Leistungsschwimmerin Camille (Céleste Brunnquell) und das ungleiche Ehepaar Léonora (Clémence Poésy) und Damien (Pio Marmai).

Sie alle haben naturgemäß seelische Probleme, und diese Probleme haben zum Teil auch mit dem Anschlag auf die Konzerthalle Bataclan am 13. November 2015 vor fünf Jahren zu tun, der 89 Menschenleben forderte, dazu kamen 39 Todesopfer der Dschihadisten in der Café und Restaurants in der Nachbarschaft. Es ist die Zeit unmittelbar danach, vom Tag danach bis Weihnachten. Ariane hat in der Nacht des Terrors verletzte und sterbende Menschen operiert, Adel Chibane war mit seiner Einheit am Tatort. Beide sprechen beim Therapeuten über die Stille: über die gespenstische Stille im Bataclan, in die hinein Hunderte von Handys klingelten, über die Stille der unter Schock stehenden Opfer im Krankenhaus.

So könnte man auf den ersten Blick meinen, bei "In Therapie", inszeniert von Eric Toledano und Olivier Nakache, den Regisseuren des sensationellen Erfolgsfilms "Ziemlich beste Freunde", läge eine ganze Nation in ihrer Schockstarre, ihren Ängsten und Nöten auf der Couch. Aber ganz so ist es nicht. Im Mittelpunkt der durch die von 2005 bis 2008 produzierte israelische Serie "Be Tipul" ("In Behandlung") inspirierten Serie, die sich bei Arte zum Quotenhit entwickelt hat – allein in Frankreich wurden die in der ab Ende Januar in der Mediathek abrufbaren Videos bisher 18 Millionen Mal angeklickt – stehen Menschen mit ihren Beziehungsproblemen. Ein unerschöpfliches Thema, zumal in Frankreich, dem Land, in dem Filme – etwa die von Eric Rohmer – möglich warend und sind, deren Protagonisten nichts anderes tun, als stundenlang mit-, neben- oder gegeneinander zu reden. Das machen sie auch in "In Therapie": Sie erzählen, und der Therapeut, eine Mischung aus Michel Piccoli und George Clooney (wenn so was überhaupt möglich ist), hört ihnen zu. Mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Er sagt das auch immer wieder, um sie zum Weitersprechen zu bringen: "Ich höre Ihnen zu."

Und so funktioniert ja auch die Methode der psychoanalytischen Kur: Der Analytiker ist zu strikter Neutralität verpflichtet, damit die Übertragung – ihr Herzstück – geschehen kann. In keinem Fall darf er sich emotional engagieren. Das ist der Kardinalfehler – und die Therapie damit zum Scheitern verurteilt. Natürlich passiert prompt genau dieser worst case - und man kann es von der ersten Sitzung an spüren: Ariane, eine so sinnliche wie herausfordernde, ja provozierende Erscheinung, begehrt den Therapeuten – vielleicht gerade deshalb, weil sie ihn, wie sie weiß, nicht haben kann. Ihre Verlobung scheitert, sie bandelt heftig bis zum Beischlaf mit dem Polizisten an, einzig weil er auch Patient bei Dr. Dayan ist. So viel Offensive muss den stärksten Seelenklempner umhauen. Oder doch nicht?

Hier kommt eine weitere Protagonistin der Serie ins Spiel: Dayans schöne, buchstäblich bis in die Haarspitzen beherrschte Kollegin Esther (Carole Bouquet), die den Mann mit den traurigen Augen regelmäßig supervisiert. Bis zum Verwechseln dasselbe bürgerliche Setting, nur sitzt jetzt der Therapeut auf der (hier imaginären) Couch. Klar: Auch ein Spezialist für menschliche Beziehungen kann in die Krise kommen. Philippes Ehefrau geht fremd, weil sie sich von ihm vernachlässigt fühlt. Der Klassiker. Wer anderen Menschen psychisch helfen zu können glaubt, kann in eigener Angelegenheit komplett versagen.

Und was nun ist so spannend daran? An einer Serie, die auf jeden Plot, auf jede Handlung verzichtet, in der es keine Verbrechen, keine Verfolgungsjagden, keine Gewalt, null Action gibt? Vielleicht ist es genau das. Die Konzentration auf das Innenleben der Figuren. Der szenische Minimalismus in einer Zeit, die sich widerstandslos optischen Reizen ausliefert. Das Geheimnis, das jeder Mensch mit sich herumträgt. Und das keine Therapie je wird lüften können. Es ist etwas "altmodisch" Menschliches mit dieser Serie, die jeden ihrer Protagonisten in seiner Verzweiflung, in seinen aggressiven Ausbrüchen, seinen Fluchtbewegungen mit nicht nur psychoanalytischer Empathie ernst nimmt. Und damit Nähe erzeugt. Das ist etwas sehr Tröstliches – gerade in dieser nicht aufhören wollenden Situation, in der wir gezwungen sind, jede Nähe zu vermeiden.