Hilfsorganisation

Die Welt-Fahrrad-Hilfe stiftet Räder für eine bessere Welt

Rolf Obertreis

Von Rolf Obertreis

Di, 06. April 2021 um 13:39 Uhr

Ausland

Mobilität schafft Freiheit und Bildung: Dank der Organisation World Bicycle Relief haben Kinder und Erwachsene in Ländern Afrikas und in Kolumbien mehr als eine halbe Million Fahrräder erhalten.

Ein Auto hat Chakaha Tshuma nicht, wie kaum jemand in dieser armen ländlichen Region. Aber ein Fahrrad – ein stabiles und robustes zudem für die schlechten, mit vielen Löchern übersäten Wege. Chakaha , eine 44-jährige Gesundheitshelferin, kümmert sich von Mwatsi aus, einem kleinen Dorf im Hwange-Distrikt in Zimbabwe und rund 500 Kilometer östlich der berühmten Victoria-Fälle entfernt, seit 2009 um 215 Haushalte mit fast 900 Menschen. Sie leben verstreut bis zu fünf Kilometer entfernt von Mwatsi. Gerade in Zeiten von Corona ist die Arbeit von Gesundheitshelfern wichtig, allein, um die Menschen über die Gefahren des Virus, Ansteckungswege und die Folgen einer Infektion aufzuklären.

Ähnlich ergeht es der 53-jährigen Gesundheitshelferin Sifundo Ndlovu im Nachbardorf Sizinda. Einmal in der Woche muss sie zur Weiterbildung in die 14 Kilometer entfernte Klinik in Chisuma. Die Haushalte, um die sie sich kümmert, liegen in einem Radius von sechs Kilometern verteilt um Sizinda. "Jetzt ein Fahrrad zu besitzen, das ist ein Segen", sagt Sifundo Ndlovu und lacht.

"Jetzt bin ich schneller unterwegs und abends wieder zuhause." Levison Sibanda
Auch für den 26-jährigen Gemeindearbeiter Levison Sibanda ist das Fahrrad eine riesige Erleichterung. Er kümmert sich um Zäune und andere Schutzmaßnahmen, die verhindern sollen, dass Elefanten in die Dörfer gelangen und Felder plündern oder Löwen und Hyänen Vieh reißen. Dafür muss er täglich bis zu 35 Kilometer zurücklegen. Früher zu Fuß, er hat dafür Tage gebraucht, musste übernachten. "Jetzt bin ich schneller unterwegs und abends wieder zuhause."

In Deutschland hat Corona zu einem Fahrrad-Boom geführt, weil sich die Menschen bewegen wollen. In Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ist ein Zweirad im Alltag schon immer eine große Hilfe und Erleichterung. Und in Corona-Zeiten nicht nur die Chance, sondern fast zwingend, um die Menschen auch außerhalb von Dörfern über die Gefahren von Corona und Schutzmaßnahmen zu informieren und Masken zu verteilen.

"Gesundheitsbeschäftigte stehen in ländlichen Gebieten in der ersten Verteidigungslinie gegen das Virus", sagt Kristina Jasiunaite. Sie ist seit 2013 Geschäftsführerin Deutschland und Europa der Organisation World Bicycle Relief (WBR) – frei übersetzt Welt-Fahrrad-Hilfe. Die Fahrräder von Chakaha, Sifundo und Levison stammen von WBR. Seit Jahren wird die Fahrrad-Initiative mit großem Engagement vom Autozulieferer und Maschinenbauer ZF Friedrichshafen am Bodensee über die eigene Stiftung unterstützt. Seit März vergangenen Jahres hat die Organisation ihr Engagement für den Gesundheitssektor wegen Corona in Kenia, Zimbabwe, Sambia, Malawi und in Kolumbien forciert und in diesen Ländern 2150 Räder zur Verfügung gestellt.

Auch die Corona-Impfung kann durch die Fahrräder erleichtert werden

Möglicherweise können diese Räder auch eine Rolle für die hoffentlich auch in ärmeren Ländern bald anlaufenden Impfungen spielen, etwa bei der Verteilung der Impfstoffe auf den letzten Metern. Seit mehr als 15 Jahren ist WBR mittlerweile aktiv. Ausgangspunkt für Gründer und WBR-Chef Dave Neiswander war damals die Unterstützung von Bildung zunächst in Sambia. Die Schüler müssen dort oft kilometerweit zur Schule laufen – pro Weg. Das führt dazu, dass die Kinder – und hier vor allem Mädchen – oft überhaupt nicht in die Schule gehen, Unterricht verpassen oder zu spät kommen. "Eine Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt", sagt Kristina Jasiunaite, "dass sich der Schulbesuch von Mädchen in Sambia durch die Fahrräder um ein Drittel verbessert hat. Damit steigen die Bildungschancen erheblich."

Die 2005 als kleine Initiative ins Leben gerufene Organisation ist gewaltig gewachsen, wie Jasiunaite erzählt. Sie hat früher selbst in der Fahrradindustrie in Holland und Deutschland gearbeitet und sich dann für WBR begeistert. "Wir sind mittlerweile in 21 Ländern aktiv und haben mehr als eine halbe Million Räder verteilt und verkauft." Was in Afrika begonnen hat, wird seit kurzer Zeit auch in Kolumbien fortgesetzt. Bis Ende nächsten Jahres sollen dort in Barranquilla im Nordwesten des Landes 22.000 Buffalo-Räder rollen.

Der Fahrradbau schafft Arbeitsplätze

Jasiunaite ist wichtig, dass WBR zwar eine Charity-Organisation ist, aber die Räder nicht verschenkt. Sie werden auch verkauft – für etwa 170 Dollar. Die Räder sind stabil und für die Anforderungen in den Ländern für die oft mit vielen Schlaglöchern übersäten schlechten Straßen und Wege ausgelegt. WBR hat sie zusammen mit Experten entwickelt. "170 Dollar für ein Buffalo-Rad sind nicht gerade wenig. Mit unseren Rädern können problemlos Lasten bis zu 100 Kilo Gewicht transportiert werden. Und wir gewähren fünf Jahre Garantie."

Zwar werden Rahmen und Teile importiert. Aber die mehr als 20 Kilo schweren Räder werden in eigenen WBR-Montagewerkstätten in den Programmländern zusammengebaut, was vielen Menschen Arbeit verschafft. Mittlerweile wurden rund 2.500 Mechanikerinnen und Mechaniker ausgebildet. Das sichert ihnen ein Einkommen. Generell gilt die Formel: Pro 100 Räder gibt es eine Fachkraft . Werden die WBR-Räder nicht gekauft, sondern zur Verfügung gestellt, passiert das auf der Basis eines Vertrages, betont Jasiunaite. Darin wird etwa mit einer Gemeinde der Verwendungszweck festgelegt. Oder mit einer Familie, dass die Tochter damit auch zur Schule fährt. Dabei überwacht ein Fahrrad-Komitee aus Lehrern, Eltern, Schülern und Vertretern des Dorfes, ob der Schulbesuch regelmäßig erfolgt.

Viele kommen nur dank der Fahrräder in die Schule

Die Schüler mussten dann nur fünf Dollar Gebühr bezahlen. Läuft es wie vereinbart, kann die Familie das Rad nach zwei bis vier Jahren behalten. In der Regel vermindert ein Fahrrad die Abwesenheit vom Unterricht um ein Drittel, der Weg zur Schule reduziert sich im Schnitt um 35 Minuten – pro Strecke. Das war der Ansatzpunkt für "ZF hilft", den Förderverein des Unternehmens, so Susanne Obert, bei ZF für die Kooperation zuständig. Von den 2,4 Millionen Euro für das Projekt flossen aus Friedrichshafen 675.000 Euro in die Förderung von Rädern. Obert selbst hat sich das in Sambia angeschaut. Und war überzeugt.

"Die ganze Gemeinde soll mobil werden" Kristina Jasiunaite
Neben dem Start in Kolumbien haben sich die Helfer mit ZF auf ein neues Konzept verständigt. Und auf eine Pilotphase in Zimbabwe. Bei "Mobilized Communities" geht es um "Mobilität für alle". Am Anfang stand eine Bedarfsanalyse mit eigens etablierten und gewählten lokalen Bicycle Supervisory Commitees, in denen Lehrkräfte, Schüler, Handwerker und Vertreter der Gemeinde sitzen. Sie sollen dauerhaft alle Aktivitäten steuern und überwachen.

Die 1600 Buffalo-Räder werden in der Gemeinde Hwange bereitgestellt. Dort leben die Menschen weit verstreut. 640 Räder gehen an Schüler, 60 an Krankenpfleger, 300 an Kleinbauern, Handwerker und Frauenkooperativen und 100 an Naturschutz- und Umweltranger. Daneben wird ein Laden für Reparaturen und Ersatzteile eingerichtet. Gut ein Dutzend Frauen und Männer werden für den Fahrrad-Service ausgebildet. "Die ganze Gemeinde soll mobil werden", sagt Jasiunaite. "Umweltfreundlich ist es zudem."

Trotz der Corona-Krise konnten Fahrräder übergeben werden

Mit einem Volumen von 800.000 bis 900.000 Dollar ist es für WBR das bislang größte Projekt. ZF ist mit 490.000 Euro dabei. Bis 2023 soll es laufen und den Anstoß geben für ähnliche Projekte in anderen Ländern. Regionen seien identifiziert, sagt Jasiunaite. Und sie hofft auf die Unterstützung durch weitere Firmen in Deutschland. Es gebe gute Gespräche.

Zu Beginn der Corona-Pandemie musste WBR seine Aktivitäten vorübergehend einstellen, weil auch in Afrika die Schulen geschlossen waren. Jasiunaite war zuletzt 2020 nach Hwange gereist. Seitdem läuft die Organisation mit den WBR-Beschäftigten vor Ort digital. "Das klappt gut", sagt die gebürtige Litauerin. Covid-19 hatte zeitweise auch den Import von Fahrradteilen ausgebremst. "Aber dann wurde uns von den Behörden der Status systemrelevant eingeräumt und wir konnten wieder importieren. So haben wir es 2020 trotz Corona geschafft, 45.000 Räder zu übergeben", freut sich Jasiunaite. Heute sind im Mobilitätsprojekt in Hwange auch schon 800 Räder verteilt und im Einsatz, vor allem in der Gesundheitsversorgung und für Schüler. Das hilft jetzt auch Chakaha, Sifundo und Levison.
Weitere Infos finden Sie im Internet unter: www.worldbicyclerelief.org