Diplomat für eine Nacht

Dieses Hotel ist Botschaften aus der alten Bundesrepublik nachempfunden

Steve Przybilla

Von Steve Przybilla

Mo, 10. August 2020 um 15:00 Uhr

Panorama

"Schöne Zimmer haben andere auch," sagt der Bonner Hotelier Jungwirth. Eine Übernachtung im "Rheinland" ist wie eine Zeitreise in die alte Bundesrepublik – mit sowjetischer Botschaft und rotem Telefon.

Richard Nixon schaut grimmig. Oder ist es einfach sein normaler Gesichtsausdruck? Schwer zu sagen, denn das Foto des US-amerikanischen Skandal-Präsidenten ist nicht das einzige Objekt, das in diesem Hotelzimmer um Aufmerksamkeit buhlt. Die Tagesdecke besteht aus "Stars and Stripes", auf dem Schreibtisch steht eine Karaffe Jim Beam. Daneben ein rotes Telefon, das eine direkte Verbindung nach Moskau herstellt – symbolisch zumindest. Ein Freizeichen gibt’s beim Abheben nämlich nicht; es geht um die Geste. So wie das eben ist in der internationalen Politik.

"Schöne Zimmer haben andere auch. Wir mussten mit etwas Persönlichem punkten." Hotelier Jungwirth
Das Zimmer befindet sich im Hotel Rheinland, einem inhabergeführten Hotel im Herzen von Bonn: 31 Zimmer, fünf Etagen, zehn Angestellte. Von außen wirkt die Unterkunft, die seit 1962 existiert, eher unscheinbar, ein graues Gebäude, gelegen an einer dicht befahrenen Straße. Direkt gegenüber thront das Motel One. Als es Ende 2018 eröffnete, schwante Johannes Jungwirth nichts Gutes. "Da war klar, dass es nicht reichen würde, einfach nur unsere Zimmer zu renovieren", sagt der Direktor des Hotels Rheinland. "Schöne Zimmer haben andere auch. Wir mussten mit etwas Persönlichem punkten."

Für Jungwirth bedeutet das: den Glanz der alten Bundesrepublik wieder zum Leben erwecken.

Wer im Hotel Rheinland nächtigt, sollte sich nicht länger wie ein normaler Gast fühlen, sondern wie ein Abgesandter einer anderen Nation. Um das zu erreichen, verwandelten sich die Zimmer der fünften Etage in diplomatische "Botschaften". Nach den USA, der Sowjetunion und Großbritannien ist Anfang Juni nun Frankreich hinzugekommen. "Damit sind alle Siegermächte vertreten", sagt Jungwirth und lacht. "Es soll sich wie eine Zeitreise anfühlen. Immerhin gab es all die Landesvertretungen einmal wirklich in Bonn."

Originalität bis ins Detail

Dementsprechend großen Wert legte der 39-Jährige auf Details: In allen "Botschaften" befinden sich Objekte, die tatsächlich aus der jeweiligen Ära stammen. So liegen im amerikanischen Zimmer mehrere Originalausgaben des Life Magazine in der Schublade. Die Schlagzeile im Jahr 1971: Tricia Nixon, die Tochter des Präsidenten, heiratet im Weißen Haus – der Watergate-Skandal war zu dieser Zeit noch weit weg.

Über dem Bett hängt ein historischer Stadtplan von Washington D.C., die Kopfkissen tragen das Siegel des amerikanischen Präsidenten. Der Fernseher besteht aus einem modernen Flachbildschirm, der in einen Röhrenkasten eingebaut wurde. Im Willkommensbrief werden Gäste mit "Dear Mr./Mrs. Ambassador" angesprochen, sicherheitshalber sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch.

Bonner Lokalkolorit

"Ich war nächtelang online, um die passenden Gegenstände zu finden", versichert Jungwirth. "Allein die passenden Tapeten zu finden, hat ewig gedauert." Die sowjetische Themenwelt ist im Stil der 1970er Jahre gehalten, inklusive Lenin-Büste und Wodka-Flasche. Auf den Kopfkissen prangen Hammer und Sichel, über dem Bett hängt ein Nachdruck der berühmten Bruderkuss-Szene zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker. Wem das nicht reicht, der kann eine sowjetische Admiralsuniform anziehen, die in der "Botschaft" bereitliegt.

Doch neben solchen Kuriositäten spielt auch immer das Bonner Lokalkolorit eine Rolle. Im Treppenhaus hat Jungwirth die Titelseiten von Zeitungen aufgehängt, die über prominenten Staatsbesuch berichten. In den Zimmern hängen Fotos aus dem Stadtarchiv: Willy Brandt und Leonid Breschnew auf dem Flughafen Köln/Bonn; Helmut Schmidt und François Mitterrand beim Nato-Gipfel 1982.

Bei der Neueröffnung steht das Hotel leer

Noch teilen die Hotel-Botschaften das Schicksal, das viele ihrer echten Pendants nach dem Hauptstadt-Wechsel ereilte: Sie stehen leer. Als Hoteldirektor Jungwirth die umgebauten Zimmer präsentiert, ist keines davon belegt. "Die Corona-Krise hat uns schlimm getroffen", räumt er ein. Nachdem das Hotel zweieinhalb Monate geschlossen war, hat es Pfingsten wieder eröffnet. "Die Buchungen ziehen langsam an", sagt Jungwirth, wobei sich auch eine Zielgruppe angesprochen fühlt, die er vorher gar nicht auf dem Schirm hatte: Einheimische.

Es gebe viele ältere Bonner Beamte, die diese Zeiten noch mitgemacht haben, sagt Jungwirth. "Die wollen jetzt selbst mal schlafen wie Nixon." Laut dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) können Themenkonzepte dabei helfen, die Branche in der Corona-Krise wiederzubeleben. Johannes Jungwirth möchte sich von den Umständen nicht unterkriegen lassen. "Jedes kleine Hotel kann eine Nische finden", ist er überzeugt. Man müsse es nur versuchen.