The Who

Pete Townshend hat auf der Bühne keinen Spaß

Interview: Philip Dethlefs, dpa

Von Interview: Philip Dethlefs & dpa

Di, 03. Dezember 2019 um 12:29 Uhr

Boulevard

London (dpa) - Nach 13 Jahren veröffentlicht die britische Rockband The Who wieder ein Album. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erzählt Gitarrist Pete Townshend, warum er heute ein besseres Verhältnis zu Sänger Roger Daltrey hat und weshalb das neue Werk «WHO» für ihn eigentlich kein echtes Who-Album ist.

Frage: The Who wurden vor 54 Jahren gegründet. Sie und Sänger Roger Daltrey sind die einzigen überlebenden Mitglieder. Wie ist Ihr Verhältnis zueinander nach all den Jahrzehnten?

Antwort: Es ist gut, sehr gut sogar. Und sehr klar. Wir sind uns einig, wo wir einer Meinung sind, und wenn wir geteilter Meinung sind, ist das auch okay. Wir sind uns einig, dass wir uns nicht immer einig sein müssen. Wir sind alt und schon so lange zusammen. Jeder schätzt die Exzentrik des anderen, aber wir sagen uns gegenseitig die Wahrheit. Das war früher nicht so. Wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, sagen wir uns das heute und können diskutieren, ohne die Beherrschung zu verlieren. Das heißt, wir führen ein ordentliches Gespräch darüber, wie wir unsere Arbeit voranbringen.

Frage: Sie meiden also keine kritischen Gesprächsthemen?

Antwort: Das stimmt. Und ich glaube, früher hätten wir das getan, da wäre vieles unausgesprochen geblieben. Wer alte Interviews von uns über die Jahre liest, bemerkt eine riesige Kluft zwischen uns. Wir unterscheiden uns wirklich sehr. Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, aber ich glaube, Roger glaubt nicht wie ich an Gott oder an Spiritualität. Ich glaube noch an Wunder und Engel und solche Sachen. Ich glaube nicht, dass er das tut. Das ist ein großer Unterschied.

Nehmen Sie die Zeile «Meet the new boss, the same as the old boss» (aus dem Song «Won't Get Fooled Again»), dann sagt Ihnen Pete Townshend, dass es nicht um Trump und Obama geht, sondern um Gott. Darf ich den neuen Chef vorstellen: Gott. Derselbe wie der alte Chef: Gott. Roger sieht das anders. Für ihn geht es um Politik, es geht um Führung, und natürlich war diese doppelte Bedeutung von mir beabsichtigt. Das liegt daran, dass ich eine Sichtweise bevorzuge und er eine andere. Aber ich finde, erst zusammen ergibt es eine magische Synergie, die wirklich funktioniert.

Frage: Auf dem neuen Album singen Sie den Song «I'll Be Back». Da scheint es um ein Leben nach dem Tod zu gehen. Glauben Sie daran?

Antwort: Ich weiß nicht, aber ich würde es gern glauben. Das ist das, was mein spiritueller Lehrer Meher Baba, dem ich seit 1967 folge, gelehrt hat. Ich würde gern sagen: Ja, ich glaube daran. Doch das ist das Problem mit der Reinkarnation: wenn es das wirklich gibt, ist es offenbar wichtig, dass wir uns verdammt nochmal nicht daran erinnern! (lacht) Aber ich hoffe, dass es eine gewisse Gerechtigkeit gibt. In diesem Leben bin ich ziemlich wohlhabend, also bin ich in meinem nächsten Leben hoffentlich arm, damit sich das ausgleicht. (lacht)

Frage: Sie haben gesagt, Sie wollen sich von Nostalgie fernhalten. Viele Bands setzen heute gerade auf Nostalgie. Warum nicht Sie?

Antwort: Nein, ich bin der Meinung, dass alle Musiker und Künstler es hassen, wenn man ihnen sagt, dass Sie von ihrer Jugend zehren. Man hat doch in seiner Jugend eine Menge Energie und Ideen, aber diese Explosion der Ideen ist schnell vorbei. Die meisten meiner erfolgreichen Songs hab ich geschrieben, bevor ich 30 Jahre alt geworden bin oder vielleicht 27. Ich bin da sehr stolz drauf, aber ich möchte nicht davon leben, ich möchte es nicht weiter zelebrieren, und ich will nicht ständig darüber reden. Was ich an diesem neuen Album so liebe, ist, dass ich über neue Songs sprechen kann.

Frage: Wie wichtig ist es Ihnen, musikalisch relevant zu bleiben?

Antwort: Das ist wirklich wichtig für mich. Ich will mich relevant fühlen. Ich bin auf Instagram und spreche mit jungen Musikern, die mich um Ratschläge und Tipps bitten. Ich will als jemand gelten, der weiß, was er tut, nicht als einer, der erzählt, wie man das früher gemacht hat. Das ist mir sehr wichtig für meinen Stolz und meine Würde. Ich will sonntags zum Mittagessen in meinen Pub gehen können und nicht nur der Typ sein, der etwas Dummes in der Zeitung gesagt hat, sondern der, dessen neues Album im Radio gespielt wird.

Frage: In diesem Jahr sind Sie mit The Who mit einem Orchester aufgetreten. Im nächsten Jahr gehen Sie wieder auf ausgedehnte Tournee. Wie sehr genießen Sie das noch?

Antwort: Es hat mir nie wirklich Spaß gemacht. Ich mache es, weil ich es kann, weil ich gut darin bin, weil es mir leicht fällt und Teil meines Jobs ist, deshalb spiele ich unsere Musik. Wenn ich die Musik nicht selbst komponiert hätte, würde ich längst nicht mehr auftreten.

Frage: Macht es Ihnen wirklich keinen Spaß, für zwei bis drei Stunden wie im Wembley-Stadion auf der Bühne zu stehen?

Antwort: Es macht mir ein bisschen Spaß, mit dem Orchester zu arbeiten, weil ich das Gefühl habe, dass es neu ist und mich fordert, aber das ist ziemlich schnell passé. Ich gehe nicht gern auf Tournee und ich stehe nicht wirklich gern auf der Bühne. Als ich klein war, sind mein Vater und meine Mutter als Musiker aufgetreten, deshalb nehme ich das wohl alles ein wenig für selbstverständlich. Es bereitet mir keine Freude, ich bin nicht aufgeregt, es ist mir im Prinzip egal. Ich gehe jedenfalls nicht da raus wie Roger oder wie Elton John. Meine Seele braucht das nicht. Wenn ich von der Bühne komme, fühle ich mich oft, als hätte ich im Garten gearbeitet.

Frage: Wird es in Zukunft noch weitere Who-Alben geben?

Antwort: Ich schätze, dass Roger wohl an Bord wäre. Anfangs hatte er Zweifel, jetzt wohl nicht mehr. (...) Es sind ja keine Who-Alben mehr, sondern Alben von Pete und Roger. The Who ist das Logo, das Erbe oder der Mythos. Aber es ist im Prinzip so, als würde Macca (Paul McCartney) ein Album machen und so tun, als wären es die Beatles. Wir sind nicht mehr die, die wir früher waren. Was wir zusammen machen, basiert aber auf dem, was wir früher gemacht haben. Das Gefühl und die Energie sind ähnlich, aber wir werden nie wieder dieselben sein.

Wenn «Who Are You» das letzte richtige Who-Album war, dann war das verdammt noch mal 1976, das ist so lange her. Selbst dieses neue Album als Who-Album zu bezeichnen, ist etwas gewagt, so gesehen war es wahrscheinlich ganz klug, es «WHO» (Wer?) zu nennen.

ZUR PERSON: Pete Townshend wurde 1945 im Londoner Stadtteil Chiswick geboren. Als Songschreiber und Gitarrist gelangte er mit seiner Band The Who ab den 60er Jahren mit Songs wie «My Generation» (1965) und den Rock-Opern «Tommy» (1969) und «Quadrophenia» (1973) zu Weltruhm. Townshend ist außerdem als Solokünstler und als Schriftsteller aktiv.