Teilzeitarbeit, Mini-Jobs und Leiharbeit

Ein Fünftel aller Beschäftigten hat keine unbefristete Vollzeitstelle

Barbara Schmidt

Von Barbara Schmidt

Mo, 24. Juni 2019 um 19:04 Uhr

Wirtschaft

Teilzeit, Minijobs, Leiharbeit: Frauen im Westen trifft es besonders oft. Gut ein Drittel aller Baden-Württembergerinnen zwischen 15 und 64 Jahren hat ein atypisches Beschäftigungsverhältnis.

Diese Frauen arbeiten Teilzeit, befristet, als Minijobberin oder Leiharbeiterin. Bei den Männern sind es 12,3 Prozent. Geschlechterübergreifend liegt die Quote im Südwesten bei 23 Prozent, deutschlandweit sind es 21,8 Prozent, wie das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung am Montag mitteilte. Damit verharre die Zahl auf einem hohen Niveau.

Das WSI hat die Daten des Statistischen Bundesamts für 2017 ausgewertet. Frauen haben demnach im bundesweiten Schnitt besonders oft keine unbefristete Vollzeitstelle. "So sind den aktuellen Zahlen zufolge 30,5 Prozent der kernerwerbstätigen Frauen, aber nur 12,2 Prozent der kernerwerbstätigen Männer atypisch beschäftigt", heißt es in der Studie. Kernerwerbstätige sind alle 15- bis 64 Jährigen – ausgenommen jene, die eine Ausbildung machen, Wehrdienst leisten oder in den Ferien jobben.



Atypische Beschäftigung ist regional unterschiedlich stark verbreitet. Beispielsweise sind in Bayern 32 Prozent der Frauen, aber nur 8,9 Prozent der Männer atypisch beschäftigt. Im Nachbarland Sachsen sind es 18,9 Prozent der Frauen und 12,9 Prozent der Männer. Dem WSI zufolge hat die atypische Beschäftigung im Westen seit 1992 deutlich stärker zugenommen als im Osten. Seit 2007 sinkt ihr Anteil in beiden Landesteilen – im Osten jedoch stärker als im Westen.

"Die unterschiedliche Entwicklung in Ost und West ist primär auf die westdeutschen Frauen zurückzuführen", schreiben die Wissenschaftler. Im Osten arbeiteten Frauen vor der Wiedervereinigung häufiger Vollzeit als im Westen – und tun es heute noch. Ein Grund ist nach Ansicht des WSI die Kinderbetreuung. Tatsächlich ist bei Frauen im Alter zwischen 35 und 44 Jahren der Anteil atypischer Beschäftigung am höchsten. Männer hingegen arbeiten als Berufsanfänger besonders häufig atypisch. Die Düsseldorfer Forscher empfehlen daher einen weiteren Ausbau der Kinderbetreuung.

Zuwanderung ist weiterer Grund für das Ost-West-Gefälle

Ein weiterer Grund für das Ost-West-Gefälle ist laut WSI die Zuwanderung. Ausländer sind überdurchschnittlich oft atypisch beschäftigt. "Unter den deutschen Erwerbstätigen sind den aktuellen Zahlen zufolge 19,2 Prozent atypisch beschäftigt. Je weiter die Herkunftsregion von der der Bundesrepublik entfernt ist, desto größer der Anteil der atypisch Beschäftigten", so die Forscher. Bei Nicht-EU-Ausländern sind es demnach 35,3 Prozent. Und in Baden-Württemberg leben mit 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung nun einmal mehr Ausländer als in Sachsen (knapp fünf Prozent).
Atypische Beschäftigung

Als atypisch gelten Teilzeit- oder Mini-Job mit 20 oder weniger Stunden pro Woche, befristet oder Leiharbeit. Ein "normaler" Job ist ein unbefristetes Vollzeit-Angestelltenverhältnis.

Dass trotz der Zuwanderung atypische Beschäftigung in Deutschland zuletzt wieder seltener geworden ist, erklären die Forscher mit der guten Konjunktur: "Das vergleichsweise hohe Wirtschaftswachstum führte nach 2011 zu einem Rückgang der atypischen Beschäftigung unter deutschen Frauen (minus 447.000) und Männern (minus 183.000)."

Unabhängig von Herkunft und Geschlecht ist das Fehlen einer Berufsausbildung ein Hindernis auf dem Weg zur unbefristeten Vollzeitstelle. Bei befristeten Verträgen sind zudem Akademiker überproportional vertreten.

VdK: Auf Teilzeitjob folgt oft Mini-Rente

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hält flexible Beschäftigungsformen für unverzichtbar: "Sie erleichtern den Einstieg in Arbeit und bieten neue Beschäftigungsperspektiven für gering Qualifizierte und Langzeitarbeitslose." In den Augen der Gewerkschaften ist das "Rosinenpickerei". "Der Arbeitgeber holt sich den Arbeitnehmer ran, wenn er ihn braucht, und wenn er ihn nicht mehr braucht, wird er wieder entlassen", kritisiert Johannes Jakob, Arbeitsmarktexperte des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB).

Minijobber seien meist "nicht qualifikationsgerecht beschäftigt, der Fachkräftemangel wird verschärft". Leiharbeiter seien trotz abgeschlossener Berufsausbildung häufig nur als Helfer beschäftigt und würden daher schlechter bezahlt. Der Sozialverband VdK verweist auf die Spätfolgen: Viele Frauen arbeiteten wegen der Kinder in Mini- oder Teilzeitjobs. So erhielten sie später nur eine kleine Rente und seien besonders häufig von Altersarmut betroffen, sagt VdK-Sprecherin Cornelia Jurrmann.