Zwischenbilanz

Ein Jahr Flüchtlingskrise: Haben wir’s geschafft?

Patrick Guyton, Bernhard Honnigfort, Franz Schmider und Wulf Rüskamp

Von Patrick Guyton, Bernhard Honnigfort, Franz Schmider & Wulf Rüskamp

Sa, 27. August 2016 um 00:00 Uhr

Deutschland

Vor einem Jahr kamen täglich tausende Flüchtlinge nach Deutschland, die Kanzlerin gab ein Versprechen ab. Ein Jahr danach haben wir uns an vier Schauplätzen umgesehen – in Passau, Heidenau, Meßstetten und Herbolzheim.

"Wir schaffen das", verkündete die Bundeskanzlerin vor einem Jahr – und meinte die Aufnahme von Flüchtlingen. Ein Jahr danach haben wir uns an vier Schauplätzen umgesehen, ob es gelungen ist: in Passau, dem Tor nach Deutschland, in Heidenau, wo die Kanzlerin beschimpft wurde, in Meßstetten, wo eine Erstaufnahmestelle entstand, und in Herbolzheim, wo ein besonders Wohnmodell entwickelt wurde.
Passau
Dass sie jetzt an diesem Sommer-Spätnachmittag 2016 zu viert vor dem Theatercafé in der Passauer Altstadt sitzen, haben sie 2015 nicht erwartet. Sonja Steiger-Höller nicht und auch nicht Marion Leebmann, zwei ehrenamtliche Flüchtlingshelferinnen. Und auch Leen Shaker und Omara Chaar nicht, eine Asylbewerberin und ein Asylbewerber aus Syrien. Die beiden sind vor einem Jahr in Passau aus dem Zug gestiegen – Chaar Ende Juni, Shaker Mitte Oktober –, als Teil einer damals unendlich wirkenden Masse an Menschen in einem übersichtlichen Bahnhof. Sie hatten gerade die letzte Grenze passiert auf ihrer Flucht. Am Bahnhof wurden sie auch von den beiden Helferinnen begrüßt, mit Tee und Keksen versorgt, weitergeleitet. An manchen Tagen kamen bis zu 10 000 Flüchtlinge. Mit der Sperrung des Münchner Hauptbahnhofs war Passau zum das Tor nach Deutschland geworden.
Jetzt im Café unterhalten sich der 22 Jahre alte Omara Chaar und die 29-jährige Leen Shaker auf Deutsch. "Ich bin jetzt A 2", sagt er. "Ich B 2", antwortet sie. A 2, B 2 – das sind die Chiffren des neuen Lebens. Es sind die Einstufungen ihrer Deutsch-Sprachkurse. "Die Sprache ist das wichtigste", sagt Shaker. Seit sieben Monaten lernt sie Deutsch, sie spricht es exzellent. Die beiden Helferinnen haben diese beiden Flüchtlinge irgendwie "adoptiert", so nennt es Sonja Steiger-Höller, haben sich um ihren Werdegang gekümmert, seit einem Jahr.
"In Syrien habe ich fast nur Freunde, die tot sind." Omara Chaar Leen Shaker hatte in der syrischen Hauptstadt Damaskus Zahnmedizin studiert, promoviert und als junge Zahnärztin gearbeitet. Sie ist Fachärztin für Kieferorthopädie. Leen sagt, sie sei in der "letzten Gruppe der Flüchtlinge", die es vor der Schließung der vielen Grenzen noch nach Deutschland geschafft hat, gekommen. In zehn Tagen gelangte sie über den Libanon in die Türkei, mit dem Gummiboot nach Griechenland und weiter die bekannte Route.
Omara Chaars Flucht dauerte fast zwei Monate. Er stammt aus Aleppo, hat dort Jura studiert und ging zunächst in die Türkei. Von dort unternahm er sieben Anläufe, um nach Griechenland zu kommen, ein Mal sei er fast ertrunken. Beim achten Mal klappte es, aber er wurde festgenommen, kam ins Gefängnis. Auf dem weiteren Weg musste er nach eigener Darstellung Grenzpolizisten bestechen, saß wiederholt in Haft, ließ sich auf einen Schlepper ein, der ihn nach Deutschland schmuggelte. "Das hat mich 6500 Euro gekostet." Seine Eltern leben weiterhin im umkämpften Aleppo. Das Haus sei zerstört. "Sie wohnen und schlafen in verschiedenen Autos", erzählt Omara Chaar. Sein Bruder lebt als Asylbewerber in Krefeld, ein Onkel in Kanada. Wenn er von seiner Schwester über das Internet eine Sprachnachricht empfängt, sind im Hintergrund stets Schüsse zu hören. "In Syrien habe ich fast nur Freunde, die tot sind", sagt Chaar.
Sonja Steiger-Höller und Marion Leebmann stammen aus jener gesellschaftlichen Mitte, über die die Politik immer wieder spricht. Die eine arbeitet als Kosmetikerin, die andere betreibt einen kleinen Souvenir-Laden. ...

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