Eine Kindheit in Nachkriegsdeutschland

Ein Tüftler und Künstler: Rainer Stiefvater aus Niederrimsingen

Eva Buchholz

Von Eva Buchholz

So, 21. Februar 2021 um 18:33 Uhr

Breisach

Bildhauer und Maler Rainer Stiefvater aus Niederrimsingen ist Schöpfer mächtiger Skulpturen im öffentlichen Raum. Die BZ hat ihn in seinem Atelier besucht.

Am Kaiserstuhl und in Breisach haben sich in den vergangenen Jahren Künstlerinnen und Künstler niedergelassen. Viele von ihnen zeigen regelmäßig in Ausstellungen ihre Werke. Die Breisacher BZ-Lokalredaktion einige von ihnen vor; heute Rainer Stiefvater.

Von der monumentalen Skulpturen über pastellfarbene Acrylbilder mit geheimnisvollen Schriftzeichen bis zu skurrilen langbeinigen Mais-Figuren: Bei Rainer Stiefvater (77) ist alles drin. Er ist Bildhauer, Maler und Handwerker, und er macht sein eigenes Ding, und zwar genau da, wo es ihn schon als Kind mit dem Fahrrad hingezogen hat: am Tuniberg.

Sein "Attilakopf" ist zweieinhalb Meter hoch

Neben der Turnhalle von Niederrimsingen steht seit über vier Jahrzehnten sein zweieinhalb Meter hoher "Attilakopf". Hinter der wuchtigen, asiatisch anmutenden Betonskulptur steckt Rainer Stiefvater, der nur wenige Straßen entfernt wohnt. Dort hat er ein über 100 Jahre altes ehemaliges Bauernhaus zu einem individuellen Wohnhaus mit Werkstatt und einem großen Schauraum für seine Exponate umgebaut.

Nach seiner Ausbildung zum Ofensetzer und Fliesenleger studierte er Kunst und Bildhauerei in Basel und München. Seitdem schuf er schwergewichtige Betonskulpturen wie den "Steuerkuchen" im Innenhof des Finanzamtes Land in Freiburg ebenso wie filigrane Collagen in Schaukästen oder pastellfarbene Acrylbilder mit bizarren Mustern.

Er gestaltete die Dorfbrunnen in Ober- und Niederrimsingen aus Beton und Naturstein ebenso wie surreale Miniaturen aus Gras und Leim. "Ich bin noch nie irgendwelchen Trends und Strömungen am Kunstmarkt gefolgt. Mich motivierte immer nur das, was mich in meinem Inneren bewegt", erklärt Stiefvater. Bewegt habe ihn zum Beispiel die Verformung der Landschaft durch sogenannte Rebflurbereinigungen.

Kritik an Monokulturen am Kaiserstuhl

"Nach dem Krieg wurde die Landschaft agrartechnisch umgestaltet, nichts durfte mehr ungeordnet wachsen", bedauert Stiefvater. Mit seinen Bildkästen "Käfig", "Was übrigbleibt" oder "Maisarmee" gestaltete er gewitzte Parodien zu den Monokulturen am Kaiserstuhl, in denen Maispflanzen in Reih und Glied stehen müssen, um möglichst hohe Erträge einzufahren. Für seine Bildkästen und Collagen sammelt und konserviert er alles, was er am Tuniberg so findet: Maiskolben, Pilze, Knospen, Schwemmholz, Schnecken, Knochen. "Vor mir ist nichts sicher, auch nicht das, was andere als abstoßend empfinden. Ich mag Morbides und vergängliche Materialien. Ich war schon als Kind ein Tüftler, wir haben uns auf Trümmergrundstücken rumgetrieben: Alles war kaputt, nichts hat funktioniert", erinnert er sich. Schon in der Nachkriegszeit hat er immer etwas gefunden, was er reparieren oder zu einer Collage verbinden konnte. "Mein Mann macht alles, was er sieht, zu Kunst", erzählt seine aus Taiwan stammende Frau Tsui-Chuan Huang, mit der er seit 25 Jahren zusammenlebt.

"Ich habe hier immer etwas zu tun und bin gern allein. Insofern geht auch Corona relativ still an mir vorbei", sagt Stiefvater. Kein Wunder ist dem Tausendsassa auch zum Thema Corona etwas Originelles eingefallen: Talismane aus Mais und Pilzen schweben in luftiger Höhe über den Exponaten und "wachen" über die Gesundheit der Bewohner und Besucher. Bisher scheint der Zauber gut zu wirken.

Kontakt: info@rainer-stiefvater.de, http://www.rainer-stiefvater.de

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