Eine breite Schneise der Verwüstung

Ulli Brünger und Volker Danisch /AFP

Von Ulli Brünger und Volker Danisch (dpa)/AFP

Mo, 23. Mai 2022

Panorama

Nach den massiven Tornado-Zerstörungen wird in Paderborn aufgeräumt / Kachelmann fordert Gefahrenwarnungen.

. Am Tag nach dem Tornado bietet sich in Paderborn ein Bild der Verwüstung. Dachdecker reparieren im Rekordtempo. Überall herrscht Betroffenheit, aber auch große Hilfsbereitschaft. Unterdessen warnt der Meterologe Jörg Kachelmann, Deutschland sei auf Tornados nicht vorbereitet.

Heiner Wortmann steht zwischen Ästen und Dachziegeln auf der Straße. Er blickt hoch zu den Dachdeckern, die gegenüber bereits emsig ein abgedecktes Dach ausbessern. "Ich bin entsetzt, so etwas habe ich noch nie erlebt. Das Haus ist gerade erst aufwendig saniert worden, nun ist alles wieder kaputt", sagt der 82-Jährige.

Es ist Tag eins nach dem Tornado, der Paderborn am Freitag traf. 43 Menschen wurden dabei laut Stadt verletzt, darunter 13 schwer. Seit 60 Jahren lebt Wortmann mit seiner Frau im Wohngebiet entlang der Riemekestraße in Paderborn, wo das Unwetter gegen 17.15 Uhr durchgezogen war und große Zerstörungen hinterlassen hatte. Überall entwurzelte Bäume, abgedeckte Dächer, umgeknickte Zäune, zertrümmertes Glas. Etwa 300 Meter breit und fünf Kilometer lang ist laut kommunalen Behörden die Schneise der Verwüstung quer durch die Großstadt. Wolfgang Hölscher hatte sein Lotto- und Tabakgeschäft am Freitag noch geöffnet, als der Sturm kam. Durch das Fenster des Geschäfts konnte der 64-Jährige alles beobachten. "Geregnet hat es kaum. Aber der Tornado war deutlich zu erkennen." Er habe wie eine Eiswaffel ausgesehen.

In der Feuerwache Süd beschreibt Bürgermeister Michael Dreier (CDU) seine Eindrücke von den Zerstörungen: "Im Riemeke-Park sind sprichwörtlich die Bäume umgeknickt wie Streichhölzer. Es sind unzählige Dächer komplett mit den Pfannen entdacht worden. Es sind viele Scheiben eingeschlagen worden durch den Wind." Im Herzen der Stadt seien Ampeln umgeknickt. Rund um das Quellgebiet der Pader seien unzählige Dächer und Scheiben zerstört, Wohnungen unbewohnbar.

Michael Lohl kehrt vor seinem Haus Scherben und Äste zusammen. Sein dreijähriger Enkel Leo spielt währenddessen mit dem Roller. "Wir waren gestern zu Hause. Unser Enkel war zu Besuch. Plötzlich wurde es stockdunkel, als der Tornado kam. Nach ungefähr einer Minute war alles vorbei. Unvorstellbar", schildert er das Szenario. Dann habe er noch einem Verletzten geholfen, der vor seinem Haus gegen die Mauer geschleudert worden war. Auf der Rückseite sei ein Baum auf seine Terrasse gekracht.

Entlang der Riemekestraße stehen viele Handwerkerautos. Das Wetter hat sich am Samstag beruhigt, die Sonne scheint. Feuerwehrmann Florian Brandt schickt seine Leute mal hierhin, mal dorthin. "Etwas Ähnliches habe ich mal nach einem Unwetter in Mülheim an der Ruhr gesehen", sagt er. "Aber das hier ist noch schlimmer."

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) spricht am Samstag bei einem Besuch in Paderborn von einer Schneise der Verwüstung und einem kleinen Wunder, "dass Stand jetzt niemand zu Tode gekommen ist bei diesen großen Schäden". Als er am Freitagabend erste Tornado-Videos gesehen habe, sei sein erster Gedanke gewesen, dass man das eigentlich nur aus den USA kennt. "Hier wird sehr vieles versichert sein. Und da, wo Bedarf ist, werden wir genau prüfen, wie wir helfen können", sagte Wüst. Die Zerstörungen hierzulande zeigten einmal mehr, dass mit häufigeren Extremwetter-Ereignissen gerechnet werden müsse.

Dabei ist Deutschland nach Ansicht des Wetterexperten Jörg Kachelmann auf Tornados nicht vorbereitet. "Der Paderborner Tornado war nicht einmal besonders stark, trotzdem sind die Opferzahlen unheimlich hoch", sagte Kachelmann dem Magazin Spiegel. Spätestens ab Freitagnachmittag sei erkennbar gewesen, welche Orte betroffen sein könnten. "Eine knappe halbe Stunde, bevor der Tornado durch Paderborn zog, hat man eine stark rotierende Gewitterwolke in der Region gesehen mit Zugrichtung Paderborn", so Kachelmann. In den USA würden ab einem solchen Zeitpunkt Sirenen heulen und Livestreams laufen. Das müsse auch in Deutschland etabliert werden, "sonst wird es sehr gefährlich".