Ortenau / Elsass

Rekordbrücke aus Aluminium überspannt ab Juni den Rhein

dvn

Von dvn

Do, 16. Mai 2019 um 10:16 Uhr

Elsass

Die längste freischwebende Aluminiumbrücke auf französischem Festland wird in Gambsheim gefertigt. Nur 800 Meter entfernt überspannt sie ab Juni bei Freistett den Rhein.

Der knapp 63 Meter lange Koloss aus Aluminium glänzt in der Vormittagssonne auf dem Betriebsgelände der Gambsheimer Schlosserei "Atelier Sieffert". Seniorchef Lucien Sieffert rotiert zwischen Büro und Hof hin und her, gibt hier und da Anweisungen an seine Arbeiter. "Wegen dem Wind können die Arbeiter nicht weiter schweißen", beklagt Sieffert. Seine Arbeiter errichten einen Windschutz mit einer blauen Kunststoffplane. Der Wind durchkreuzt den Zeitplan jedoch nicht.

Die zwölf Angestellten der Schlosserei sind seit Tagen dabei, die Streben und Balken zu verschweißen. Die bereits fertigen Geländer liegen vor dem Eingang des Büros bereit. Hier entsteht der Lückenschluss des neu gestalteten Rheinübergangs von Freistett nach Gambsheim, eine Aluminiumbrücke, damit Fußgänger- und Radfahrer künftig fernab der stark befahrenen Straße das Becken vor dem Wasserkraftwerk überwinden können.

Kniffliger Transport

"Das Projekt ist eine große logistische Herausforderung", meint Marc Durr von der Departementsverwaltung. Es braucht Präzisionsarbeit um die 34 Tonnen schweren Brücke an ihren nur 800 Meter entfernten Bestimmungsort zu bringen. Zunächst wird die Brücke auf die Zufahrt der Firma gesetzt, dann geht der Transport wenige Meter auf die Route de l’Ill. Auf dieser Departmentstraße geht es weiter bis zum Kreisverkehr in Richtung Freistett.

Der Abschnitt zwischen dem Kreisverkehr und der Fischtreppe wird in der Nacht vom 4. auf den 5. Juni von 22 Uhr an vollständig gesperrt, damit der Schwertransporter über die Schleusenbrücken zum Cerga-Kraftwerk vorfahren kann. Dort steht ein Kran bereit, der das Aluminiumbauwerk links und rechts des Kraftwerkbeckens am 5. Juni auf die Stützen hebt. Der Unterbau für den Fahrbahnbelag ist auf dem Bauwerk bereits zu erkennen, ebenso die Halterungen für das Geländer. Den Belag aus Betonplatten setzen die Arbeiter demnächst ein. Immer wieder kontrollieren Experten mittels Ultraschalltechnik die bereits gesetzten Schweißnähte. Unter dem Belag liegt ein Leerrohr für künftige Glasfaserverbindungen und elektrische Leitungen zur Fischtreppeninsel.

100 Jahre Lebensdauer

Am 28. Mai folgt auf dem Betriebsgelände der Schlosserei ein Test. Dann Marschieren mehrere Fußgänger im Gleichschritt auf der Brücke, um Schwingungen zu messen und Probleme mit der Eigenresonanz zu erkennen. "Hier entscheidet sich, ob die Aluminiumbrücke in der Mitte Federungen erhält, um problematische Schwingungen auszugleichen", erklärt Durr. Bislang gehen die Ingenieure von einem Verzicht auf diese Federn aus. Eigentlich seien Schwingungen nicht schlimm, doch für Passanten verunsichernd.

Die Lebensdauer des Bauwerks schätzt die Départementverwaltung auf etwa 100 Jahre. Kurioser Zufall: Quasi direkt vor den Werkspforten der Aluminiumschlosserei Sieffert wird die dort konstruierte Brücke ihrer Bestimmung übergeben. So muss der Schwertransport lediglich 800 Meter zurücklegen. Sieffert arbeitet als Spezialist für die Konstruktion von Aluminiumstegen und -brücken für deutsche und französische Kunden. Zuletzt fertigte das Unternehmen eine Fußgängerbrücke in Leipzig an. Auch die Schiffsanlegestellen an der Gambsheimer Schleuse stammen aus dieser Schlosserei.

1,1 Millionen Euro

In den vergangenen sechs Wochen wurden die Hälften der Brücke in der Gambsheimer Werkshalle vorgefertigt. Nun schweißen die Arbeiter beide Brückenteile auf dem Firmenhof zusammen. Das Projekt steht auch für deutsch-französische Zusammenarbeit. So stellt das Freistetter Unternehmen Mediaco den Kran für das Einsetzen der Brücke. Den Schwertransport übernimmt das Unternehmen Gutmann aus Kehl-Goldscheuer. Das Singener Büro PML plante das Bauwerk.

"Bei einer schwereren Brücke aus Stahlbeton werden mehr Kleinteile benötigt", weiß Durr. Zugleich soll die Brücke keine Pfeiler im Wasser haben, damit das Wasserkraftwerk zwecks Reparaturarbeiten an den Turbinen jederzeit zugänglich bleibt. So kann bei Bedarf ein Kran das Konstrukt beiseite heben. Die Kosten der gesamten Neugestaltung des Rheinübergangs beziffern die deutschen und französischen Behörden auf zehn Millionen Euro. Davon entfallen etwa 1,1 Millionen Euro auf den Bau der Aluminiumbrücke.

Sieben Tonnen Stahlbeton

"Den Kostenrahmen halten wir ein", so Durr. Bauträger ist das Departement Bas-Rhin, das die französische Baufirma Demathieu Bard beauftragte. Unweit des Wasserkraftwerks bereiten Bauarbeiter die Widerlager für die Aluminiumbrücke vor. Deutlich zu erkennen sind bereits die Betonverschalungen. Insgesamt sieben Tonnen Stahlbeton wurden dafür verarbeitet. Von dort wird ein neuer Radweg zum Parkplatz des Besucherzentrums der Fischtreppe gebaut, die Anlage selbst wird neu umzäunt. Dann ist das grenzüberschreitende, von Rheinau und Gambsheim forcierte Projekt nach 15 Jahren Planungs- und Bauzeit abgeschlossen.

Eröffnung am 23. Juni

Ist die Aluminiumbrücke notwendig? Immerhin hat das anliegende Kraftwerk einen eigenen Übergang. "Aus Sicherheitsgründen ist dieser Steg für die Öffentlichkeit gesperrt, da es sich um ein Betriebsgelände des Kraftwerks handelt", betont Durr. Turbinen müssten immer wieder gewartet werden, auch ist ein Kranfahrzeug des Kraftwerks mit einer Schiene in dem Bauwerk verankert. Am 23. Juni folgt die feierliche Übergabe des neu gestalteten Rad- und Fußgängerüberwegs zwischen der ehemaligen Zollstation bei Freistett und der Gambsheimer Schleusenanlage mit einem großen Fahrradfest. Zuvor feiern Rheinau und Gambsheim ihre Städtepartnerschaft am 22. Juni mitten auf der deutsch-französischen Grenze.