Raus aus Prüdistan

Georg Voß

Von Georg Voß

Mi, 08. Mai 2019

Emmendingen

Ausstellung "Fetisch-Spiel" mit Arbeiten von Ralph Görtler in der Galerie im Fotomuseum Hirsmüller in Emmendingen eröffnet.

EMMENDINGEN. "Fetisch-Spiel" nennt Ralph Görtler seine Ausstellung im Fotomuseum Hirsmüller. Ob sie zum Skandal reicht, ist Ansichtssache und dem Blick und Urteil jedes Einzelnen unterworfen.

Görtler zeigt Fetische, High Heels, Leder und Lack, eine brennende Kerze im Mund einer Frau mit rotem Lippenstift, Frauen hinter Masken mit herausfordernder Mimik, auch hier mit rotbemalten Lippen. Es ist ein Spiel, auf das sich der Betrachter einlassen kann oder nicht. Zumindest nach den Worten des deutschen Philosophen und Schriftstellers Ludwig Marcuse: "Das lehrt die Geschichte: Obszön ist, wer oder was irgendwo irgendwann irgendwen aus irgendwelchem Grund zur Entrüstung getrieben hat."

So gab es Entrüstung und einen handfesten Skandal anno 1866 um das legendäre Kunstwerk "Der Ursprung der Welt" von Gustave Courbet mit einem liegenden weiblichen Körper, der einen direkten Blick auf die naturalistisch dargestellte behaarte Vulva bietet. Für Courbet war dieses Bild ein Protest gegen künstlerische Konvention und Dogmatismus.

Ralph Görtler nimmt sich dieses Skandals an. Seine Arbeiten sind in den vergangenen vier Jahren, die meisten in den vergangenen zwei Jahren, entstanden. Die analogen Vorlagen, Bildmaterial aus Kunst- und Fotobänden, hat er aus- und auseinandergeschnitten und wieder zusammenkomponiert. "Nichts ist am Computer entstanden", versichert Görtler. Herausgekommen sind bei dieser Appropriation Art hochästhetische, farblich ausgewogene und ansprechende Werke, die vielleicht verstörend wirken – und es auch sollen.

Eine Arbeit mit dem Titel "Die Kriegerin" zeigt den Kopf einer junge Frau mit violett gefärbtem Haar, die eine Gesichtsmaske über Kinn, Mund und Nase trägt und provozierend aus dem Bild zu schauen scheint. Ralph Görtler stört sich nicht an Political Correctness, die in den Worten von Hans-Jörg Jenne mit Tabus besetzt ist. "Ich will einen Kontrapunkt setzen gegen Prüderie und die verschwundenen Bilder aus dem Prüdistan herausholen", so Ralph Görtler.

Es sind auch Piercings und Tätowierungen zu sehen, die mittlerweile aus dem Straßenbild nicht wegzudenken sind. Hans-Jörg Jenne verweist auf ein Bild von Karl Hirsmüller, das zur ständigen Ausstellung im Fotomuseum gehört und eine halbnackte "Heidin" neben einer "Christin" mit hochgeschlossener Bekleidung zeigt. Umgekehrt würde man sich entrüsten. Auch im ethnologischen Kontext gebe es Abbildung von nackten Menschen afrikanischer Ethnien, ohne dass sich die Betrachter entrüsteten. Die Abbildungen entsexualisierten, entmenschlichten die Personen sogar – das wäre Gegenstand der Entrüstung. In Ralph Görtlers Werken bekommen die Personen ihre Menschlichkeit und Sexualität wieder zurück. Es sei kein typischer männlicher oder weiblicher Blick, wenn es diese Kategorien überhaupt gibt, sondern der Blick des Künstlers Ralph Görtler, der die Bilder aus dem "Prüdistan" ans Tageslicht bringe.

Musikalisch umrahmt wurde die Eröffnung mit dem Walk on the Wilde Side-Quartett: Frank Goos (Saxophon), Nico de Haen (E-Piano), Ralf Wolter (E-Piano) und Angela Mink (Gesang). Auch sie trugen Masken und die anrüchigen Textstellen von Frank Zappas "Bobby Brown" wurden mit Hupen übertönt.

"Fetisch-Spiel" von Ralph Görtler im Fotomuseum Hirsmüller im Markgrafenschloss in Emmendingen bis 29. September: Mittwoch und Sonntag von 14 bis 17 Uhr. Görtler ist bei der Museumsnacht am 18. Mai von 19 bis 24 Uhr anwesend.