Tierschutz

Er schenkt Legehennen aus Mastbetrieben ein Leben in Freiheit

Aleksandra Bakmaz

Von Aleksandra Bakmaz (dpa)

Mo, 16. November 2020 um 16:23 Uhr

Panorama

Wenn Hennen keine Eier mehr liefern, werden sie geschlachtet. Der Tierschutzverein "Rettet das Huhn" kümmert sich um die Tiere und vermittelt sie an Paten, wie Nic Dilger aus Tettnang am Bodensee.

Für seine Hühner ist Nic Dilger ein Lebensretter. Der 17-Jährige kümmert sich auf einem kleinen Gut am Bodensee um rund 120 der Tiere. An die grünen Wiesen und die frische Luft dort mussten sich die Tiere erst gewöhnen. Denn viele seiner Legehennen kommen aus landwirtschaftlichen Betrieben, in denen Enge und Hochleistung angesagt waren. Dort hätte ihr Leben schon längst geendet.

Denn die Hennen sind im fortgeschrittenen Alter nicht mehr so produktiv, wie die Landwirtschaft das gerne hätte. Etwa nach eineinhalb Jahren lässt ihre Legeleistung nach. Sprich: Sie legen dann nicht mehr ein Ei pro Tag. Dann werden sie in der Regel geschlachtet und zu Suppenhühnern, Brühwürfeln oder auch zu Tierfutter verarbeitet.

Dilgers Hühner dagegen dürfen auf seinem "Gütle" bei Tettnang toben, picken und gackern. Zwei bis drei Stunden täglich ist der junge Mann mit der Pflege der Tiere beschäftigt. Hilfe gibt es dabei von der Familie. Für ihn sei die Hühnerhaltung ein Hobby, das sich auch gut mit dem Teenieleben vereinbaren lasse, sagt er. "Das mache ich schon so lange, dass ich es gar nicht anders gewohnt bin."

Der Verein hat bisher 86 000 Hühner vor dem Schlachter gerettet

Vermittelt werden die Tiere durch den Verein "Rettet das Huhn". Dessen Mitglieder kümmern sich bundesweit um ausrangierte Legehennen, sammeln sie bei Landwirten ein und geben sie an Hühner-Paten weiter. "Die müssen sich bewerben und zeigen, dass sie die Hühner artgerecht halten können", sagt Ellen Maria Ernst, die im Vorstand des Vereins sitzt. "In der Regel sind das Leute, die ein Herz für Hühner haben", so Ernst. Der Verein habe bisher mehr als 86 000 Hühner vor dem Schlachter bewahrt. Jährlich kämen rund 12 000 dazu.

Die Lebenserwartung nach der Rettung liege bei ein bis drei Jahren. Doch jeder Tag in Freiheit zähle. Die Massentierhaltung hinterlasse Spuren. Oft seien die Tiere ausgezehrt oder ihnen fehlten an vielen Stellen die Federn. "Eines meiner Hühner musste eine Art Pullover tragen, weil es fast nackt war", sagt Dilger.

Hühner seien eigentlich Waldrandbewohner und hätten einen enormen Bewegungsdrang, sagt Jutta van der Linde von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Die 58-Jährige ist Geflügelexpertin. "Steinchen umdrehen, Würmchen finden und ihre Umgebung erkunden: Wenn die Tiere das nicht machen können, stellt sich ein Frustrationsverhalten ein", sagt sie. Die meisten Legehennen in Deutschland würden in Bodenhaltung leben. "Kommen Althennen aus einer Bodenhaltung in einen Freilandstall, sollten sie langsam an die grüne Wiese gewöhnt werden", rät van der Linde.

Seit 2010 sind Legebatterien in Deutschland verboten

In Deutschland werden zwischen 40 und 50 Millionen Hühner zum Zweck der Eierproduktion gehalten. Rund 30 Millionen werden laut dem Deutschen Bauernverband jedes Jahr geschlachtet. Legehennen wurden hauptsächlich für die Eierproduktion gezüchtet. Masthühner dagegen sollen Fleisch liefern. Seit 2010 dürfen die Tiere nicht mehr in Legebatterien gehalten werden. Pro Quadratmeter sind neun Hennen in der Bodenhaltung zugelassen. Bei der Freilandhaltung sieht es ähnlich aus, nur dass die Tiere tagsüber auch raus dürfen. In der Bio-Haltung haben die Tiere auch Auslauf, zudem sind hier nur sechs Hennen pro Quadratmeter zugelassen.

Pro Kopf werden 236 Eier pro Jahr in Deutschland gegessen

Für Nic Dilger und "Rettet das Huhn" ist keine Form der Eierproduktion tiergerecht. "Sogar ein Bio-Ei bedeutet Leid", sagt Ernst. Stattdessen solle man bei Höfen die Eier kaufen, bei denen man die Hühner auf dem Feld sieht oder eben einfach weniger Eier essen. Laut Deutschem Bauernverband werden im Jahr pro Kopf 236 Eier verzehrt. Beim Einkauf im Supermarkt greife der Verbraucher dabei zu 50 Prozent zu den günstigen Bodenhaltungseiern, zu 34 Prozent zu Freiland und nur zu 16 Prozent zu Bio-Eiern, erklärte Generalsekretär Bernhard Krüsken. Die Landwirtschaft habe ihre Standards zum Wohl der Tiere kontinuierlich verbessert.

Dilger und seine Familie haben ihr Konsumverhalten seit der Hühnerhaltung komplett geändert, wie der 17-Jährige erzählt. "Wir essen nur unsere eignen Eier, Hühnchenfleisch kann ich gar nicht mehr essen." Ein paar Eier verkauft der angehende Landwirt auch vor der eigenen Haustür.