Erfolgreich Grenzen überwunden

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Di, 05. Juli 2022

Literatur & Vorträge

Ein Buch des Vereins Badische Heimat zeigt, wie die Region am Oberrhein zusammengewachsen ist.

"Die Rolle Badens in Europa": Ministerpräsident Winfried Kretschmann setzt sich in seinem Grußwort zu diesem Buch großzügig über dessen Titel hinweg. Er kennt nur "Baden-Württemberg", "Baden" ist für ihn ein Landschaftsbegriff wie "Oberrhein". Diese Schärfe in der Unterscheidung hat ihre Vorgeschichte, war doch, was im Buchuntertitel "Badische Außenpolitik" heißt, häufiger Streitpunkt zwischen Stuttgart und Freiburg. Insbesondere Hermann Person, Regierungspräsident von 1967 bis 1979, reizte, obwohl offiziell Stuttgarts Vorposten in Südbaden, das Blatt der "badischen Außenpolitik" recht eigenmächtig aus.

Doch das vom Verein Badische Heimat herausgegebene Buch soll kein erneuter Fehdehandschuh gegen Stuttgart sein, vielmehr eine Art Liebesgabe zum 70-jährigen Bestehen des Bundeslandes, mit dem freilich dieser Verein lange gefremdelt hat. Ohnehin ist der Begriff "Außenpolitik" hochgegriffen. Denn im Zentrum steht die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen dem Elsass, der Nordwestschweiz und Baden, getragen von vielen Institutionen und einzelnen Persönlichkeiten als antreibende Kräfte. Diese Zusammenarbeit hat, auch wenn das Buch der Regierungszeit Leo Wohlebs einige Kapitel widmet, erst 1968 begonnen mit informellen Treffen, die über Jahrzehnte hinweg durch Aussöhnung und Kooperation zu Institutionen wurden bis zur heutigen Trinationalen Metropolregion.

Dieser Weg ist zweifellos erfolgreich gewesen, ein Vorbild für europäische Grenzregionen. Die "Akteure", von denen im Buch oft die Rede ist, waren vor allem Vertreterinnen und Vertreter staatlicher und kommunaler Verwaltungen; dazu kamen andere Organisationen wie Hochschulen und Kammern. Sie kommen alle hier zu Wort, erinnern an Prozesse und an die Protagonisten, die diese angestoßen und gestaltet haben – darunter der Herausgeber des Buches, Sven von Ungern-Sternberg, Regierungspräsident in Freiburg 1998 bis 2007.

Denn die Zusammenarbeit am Oberrhein war zuerst ein Projekt der Verwaltungen, später auch der Politik. Etwas aus dem Blick geraten ist dabei die Basis, wenngleich als "Zivilgesellschaft" immer wieder beschworen. "Die Bewohner des Oberrheins sind sich so zum großen Teil immer mehr fremd geworden", lautet das Fazit des Straßburgers Jean-Marie Woehrling, eines Vorkämpfers für Zweisprachigkeit am Oberrhein. Doch es gibt auch den kleinen Teil der Bevölkerung: Der lebt in Grenznähe, ist auf beiden Seiten des Rheins gut nachbarschaftlich unterwegs und hat dabei von der großen und der kleinen, auch "badischen" Außenpolitik profitiert – nur macht man davon auch hier wenig Aufhebens.

Sven von Ungern-Sternberg (Hg.): Die Rolle Badens in Europa. "Badische Außenpolitik" von 1945 bis heute. Ein Buch zum 70. Jubiläum des Landes Baden-Württemberg. Rombach Verlag, Freiburg 2022.
504 Seiten, 34 Euro.