Die neue Demut

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Mi, 11. September 2019

Fußball-EM

Das mühsame 2:0 der deutschen Fußball-Nationalelf gegen Nordirland zeigt: Der Weg in die Weltspitze ist weiter als gedacht.

BELFAST. Joachim Löw sah abgekämpft aus. Möglich, dass die grelle Beleuchtung im kleinen Pressesaal des Windsor Park von Belfast ihr Übriges tat, dass der Bundestrainer nach dem 2:0-Arbeitssieg der deutschen Nationalmannschaft in Nordirland nicht mehr ganz faltenfrei wirkte. Die schlaffen Augen blickten auch nicht auf die nordirischen Heldentaten, die fast zum Händegreifen an den Wänden prangten. Nach dem durch einen schönen Dropkick von Marcel Halstenberg (48.) und einen schnellen Konter von Serge Gnabry (90.+3) besiegelten 2:0 gegen die Nordiren dürfte Deutschland neben den Niederlanden zwar das Ticket zur Endrunde der EM 2020 lösen. Löws Ensemble hat den Mindestanspruch mit einem nur bedingt überzeugenden Arbeitssieg untermauert. Aber ein "souveräner Sieg", den Ballverteiler Toni Kroos gesehen haben wollte, geht eigentlich anders.

Zur Absicherung brauchte es einen Nationaltorwart Manuel Neuer in Topform, der beinahe schon wieder an den Weltmeister-Neuer von 2014 erinnert, weil er mit Hand, Fuß und anderen Körperteilen zur Stelle war, wenn die Vorderleute – Kroos inklusive – mit einer zu laxen Haltung fast hanebüchene Fehler einstreuten. "Das war ein ganz wichtiges Spiel für uns", erklärte der 33 Jahre alte Kapitän, "es war schon zu merken, dass wir unter Druck standen."

Löw sah "sehr intensive, sehr schwierige 90 Minuten". Bei seinen Ausführungen wirkte der neuerdings bei Nikotin und Koffein Verzicht übende Südbadener wie ein Belfast-Tourist, der im St. George’s Market nicht mehr den Ausgang findet. So überbordend dort das Angebot, so üppig die Schwankungsbreite seiner Mannschaft, die sich vor dem singenden und stampfenden Publikum anfangs den Schneid abkaufen ließ, weil die Verzahnung zwischen Mittelfeld und Angriff in dem 4-3-3-System nicht klappte. Erst eine veränderte Raumaufteilung nach der Pause führte zum erwarteten spielerischen Übergewicht. Unter dem Strich, bilanzierte der 59-Jährige, "zählen drei Punkte in der Quali, das haben wir erreicht."

Aber: Dass seine Auswahl noch nicht so weit ist wie im Frühjahr nach einem (glücklichen) 3:2-Erfolg in den Niederlanden gedacht, dafür mehren sich die Indizien. "Der Weg in die Spitze ist kein einfaches Unterfangen. Wir haben noch einige Monate Zeit und noch einige Länderspiele. Im nächsten Jahr wird sich zeigen, wo wir stehen", konstatierte Löw. Das Freundschaftsspiel gegen Argentinien (9. Oktober) könnte ebenso noch Fingerzeige liefern wie die letzten Qualifikationsspiele in Estland (13. Oktober), gegen Weißrussland (16. November) und erneut Nordirland (19. November). Verräterisch Löws Bemerkung, die Niederlande hätten drei Jahre gebraucht, um den aktuellen Leistungsstand zu erreichen: "Da müssen wir noch hinkommen."

"Du kannst zum Erfolg keine Abkürzung nehmen."

Oliver Bierhoff
Das würde heißen, dass die EM 2020 für seinen Erneuerungsprozess fast zu früh kommt. Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff ist so klug, die Zielvorgabe auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu verorten: "Ich glaube nicht, dass wir zum engsten Favoritenkreis gehören. Du kannst zum Erfolg keine Abkürzung nehmen." Löw sprach von verschiedenen Faktoren, die das Abschneiden bei einem Turnier beeinflussen würden. Der Fußball-Ästhet vergleicht den Neuaufbau inzwischen gerne mit den Vorarbeiten der WM 2010. Damals drängte allerdings die außergewöhnlich talentierte Boateng-Özil-Khedira-Hummels-Neuer-Generation nach. Der Nachweis, dass die Werner-Kehrer-Tah-Goretzka-Jahrgänge ähnliche Anlagen fürs internationale Topniveau mitbringen, steht noch aus. Selbst der willensstarke Joshua Kimmich muss trotz aller Ansprüche erst noch zeigen, dass er führen kann wie Philipp Lahm. Kimmichs Rückversetzung auf die Rechtsverteidigerposition schloss Löw übrigens aus. Der Musterschüler bleibe auf der Sechs, weil er für Symmetrie vor der Abwehr sorge.

Trotzdem sah es in der familiären Hauptstadt Nordirlands mit seinen trinkfesten Bewohnern lange recht asymmetrisch aus. Erstaunlich, dass Löw beharrlich das Fehlen von Spielern wie Antonio Rüdiger, Thilo Kehrer, Julian Draxler, Leon Goretzka und Leroy Sané vortrug, um die Unwucht zu rechtfertigen. "Man hat in manchen Phasen gesehen, dass die Mannschaft so noch nicht zusammengespielt hat." Aber macht es wirklich einen Unterschied, ob nun Lukas Klostermann für Kehrer, Jonathan Tah für Rüdiger oder Julian Brandt für Draxler spielen? Nur der am Kreuzband verletzte Sané besitzt eine Klasse mit Alleinstellungsmerkmal. Manche Argumente klangen von Trainerseite an diesem windigen Abend vorgeschoben. Aber auch das kann ja beim Umbruch irgendwie dazugehören. Oder einfach der Müdigkeit nach einem anstrengenden Nordirland-Trip geschuldet sein.