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Der Grasshopper Club Zürich steigt ab – und Ultras rasten aus

Michael Dörfler

Von Michael Dörfler

Di, 14. Mai 2019 um 20:45 Uhr

Fussball International

Eklat und Abbruch in Luzern: Fans demütigen die Zürcher Spieler. Und der Vereinschef stimmt den Forderungen von Hooligans zu.

Das Faktum ist eindeutig, gleichwohl für den einen oder anderen Fußballfan in der Schweiz im Allgemeinen oder in der Agglomeration Zürich im Besonderen nur schwer zu begreifen. Der Grasshopper Club Zürich, erfolgreichster Klub der Eidgenossenschaft, der 27 Meistertitel und 19 Pokalsiege in seiner Vita stehen hat, sich dazu zwei Mal für die Champions League qualifizieren konnte, ist nach 70 Jahren erstmals abgestiegen – in 33 Spielen gab’s nur fünf Siege. Anstatt in der Super League dabei zu sein, geht es für die Blau-Weißen in der kommenden Spielzeit gegen den FC Wil oder den FC Vaduz in der zweitklassigen Challange League.

Für die Hardcore-Fans der Zürcher war das offensichtlich zuviel des Guten – und nicht mehr hinnehmbar. Als der gastgebende FC Luzern am Sonntag nach etwas mehr als einer Stunde Spielzeit auf 4:0 erhöht hatte, kam es zum Eklat. Gereizt von der sportlich armseligen Vorstellung des Tabellenletzten, verließ eine düster dreinblickende Gruppe den GC-Block und baute sich mit Drohgebärden am Spielfeldrand auf. Mit eindeutigen Absichten: Ein Platzsturm stand offenbar kurz bevor. Bevor es dazu kam, hatten die Ultras und Hooligans aber noch eine andere, offenbar spontane Idee: Sie forderten die GC-Spieler auf, sich ihrer Trikots und Hosen zu entledigen. Begründung: Die Akteure seien es nicht wert, die GC-Farben zu tragen. Mittendrin und wohl maßgeblich an den Forderungen am Spielfeldrand beteiligt: Stefan N., ein in der Schweiz weit bekannter GC-Hooligen, dem eine Neonazi-Vergangenheit attestiert wird – und der dennoch immer wieder in den Stadien auftaucht.

GC-Präsident gerät in die Kritik

Die Demütigung war von Erfolg gekürt. GC-Präsident Stephan Rietiker ordnete den von der Kurve erpressten Striptease mit der Begründung an, die Sicherheit sei anders nicht mehr zu gewährleisten. Es seien, so Rietiker, "viel zu wenig Sicherheitskräfte" vor Ort gewesen. Die Entscheidung bedeute aber nicht, "dass wir das unsportliche und menschlich fragwürdige Verhalten gutheißen". Die Hosen behielten die Spieler dann auch an. Später verurteilte der Klub in einer Mitteilung das Verhalten der Fan-Gruppe "als inakzeptabel und beschämend".

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Kluboberen über ihr leicht reizbares Fan-Klientel ärgern müssen. Bereits im März musste ein Spiel der Zürcher beim FC Sion abgebrochen werden. Damals schoss der Zürcher-Mob Feuerwerkskörper en gros auf den Platz – die Spieler flüchten. Es gab eine Buße von 30 000 Schweizer Franken und eine Strafe auf Bewährung für den Klub – bei dem offenbar weitaus mehr im Argen liegt, als selbst gutgläubige Anhänger des Traditionsklubs zu wissen glauben. Schon rumort es hinter den Kulissen, wenn die Sprache auf die künftige Zweitligazugehörigkeit kommt. Es soll auch Klubs in der Challange League geben, die, aufgeschreckt durch den Vorfall in Luzern, darüber sinnieren, gegen GC gar nicht antreten zu wollen. Aus Angst vor neuem Ärger.

GC-Cheftrainer Uli Forte, der auch die italienische Staatsbürgerschaft besitzt, hat gleichwohl bereits angekündigt, weiter im Amt bleiben zu wollen. Ein "ganz neues Team" möchte er an der Limmat aufbauen, dafür "mehrere routinierte Spieler verpflichten". Der sofortige Wiederaufstieg ist schließlich von der Klubführung zur Pflicht erklärt worden.

Das ist dann auch der Grund, weshalb Rietiker, der erst seit sechs Wochen im Amt ist, das Gespräch mit den beiden Klubbesitzern Peter Stüber, einem Geschäftsmann und Mäzen, sowie dem Architekten und Ex-Leichathleten Stephan Anliker suchen will. Rietiker will den Klub nämlich professionalisieren – und dazu braucht er Geld. Unter anderem möchte er einen Verwaltungsrat installieren, deren Mitglieder bezahlt werden sollen. Alle "alten Zöpfe" gedenkt der Präsident abzuschneiden. Und dafür brauche er "ein glaubwürdiges Budget". Weshalb er schon mal prophezeit: "Die nächste Spielzeit wird wieder sehr teuer."

Yanic Ravet ist nur indirekt dabei

Schon wird darüber diskutiert, ob sich der Klub bei Rietikers Erneuerungswillen und Ehrgeiz den mit vielen Fränkli gebauten GC-Campus in Niederhasli an der Zürcher Peripherie überhaupt noch leisten wird können.

Zu allem Übel muss Rietiker aber weiterhin Schelte wegen der Vorkommnisse in Luzern einstecken. Man könne ihm sicher nicht vorwerfen, ein Weichei zu sein, nur weil er die Spieler aufgefordert habe, sich ihrer Trikots zu entledigen. Wer in solchen Situationen den Mut habe, den aufgebrachten Fans die Stirn zu bieten und deren Forderungen zu widersprechen, dürfe ihn das nächste Mal "gerne beim Gang in die Kurve begleiten", hielt er seinen Kritikern am Montag entgegen. Er wolle keine Bilder sehen "von blutüberströmten Menschen, die mit Eisenstangen verprügelt wurden". Vehement fordert Rietiker höhere Strafen ein: "Bei uns in der Schweiz werden Autosünder härter bestraft als viele Kriminelle."

Indirekt war bei dem unsäglichen Vorfall in Luzern auch ein Freiburger beteiligt. Als es in der zweiten Hälfte auf dem Rasen drunter und drüber ging, war der vom Sportclub Freiburg an den Grasshopper Club ausgeliehene Franzose Yoric Ravet bereits nicht mehr dabei. Ausgewechselt in Minute 45 – immerhin mit Trikot und Hose.