Facettenreiches Mega-Mosaik

Bianca Flier

Von Bianca Flier

Mo, 22. November 2021

Staufen

Die "Petite Messe Solennelle" von Rossini begeistert das Publikum auf der Staufener Kulturbaustelle.

. Ein klassisches Highlight im Novemberprogramm der Kulturbaustelle war die Aufführung von Gioachino Rossinis "Petite Messe Solennelle" durch den Kammerchor Staufen unter der Leitung von Kerstin Bögner. Das grandios inszenierte Werk wurde vom Publikum begeistert aufgenommen.

Die Messe wurde in einer Fassung für Chor, Solistenquartett, Klavier und Akkordeon vorgetragen, also werkgetreu, wenn man davon absieht, dass im Original statt des Akkordeons ein Harmonium vorgesehen ist. Bei der Auswahl der Solisten und der Instrumentalbesetzung bewies die Dirigentin eine glückliche Hand. Bianca Moreno (Sopran), Barbara Ostertag (Alt), Luca Festner (Tenor) und Clemens Morgenthaler (Bass) führten ihren Part mit virtuosem Duktus aus. Bernd Schäfer leistete am Konzertflügel Großartiges und Hugo Degorre ersetzte das Harmonium mit seinem Akkordeon perfekt.

Rossini hat sein Werk mit vielen für eine Messe ungewöhnlich opernhaften Effekten ausgestattet. Unter Kerstin Bögners souveräner Leitung wurde diese Dramatik, die oft ins Theatralische geht, als einzigartiges liturgisches Universum interpretiert. Dass die Inszenierung nicht in einem sakralen Raum, sondern in einem Zirkuszelt stattfand, störte dabei nicht im mindesten und hatte auch den Vorteil, dass das Ensemble auf einer großen Bühne agieren und das Publikum den coronabedingten Abstand halten konnte.

Den Vokalsolisten gelang es, die vom Komponisten intendierte Belcanto-Priorisierung mit höchster Intensität umzusetzen. Das Quartett stand praktisch während der ganzen Aufführung unter Volldampf, denn sowohl die Soli als auch die Duette, Trios und Quartette verlangten vollen Stimmeneinsatz bei den komplexen Koloraturen, den überraschenden Intervallsprüngen und den starken Crescendi. Oft gemahnte das hochemotionale Klangerlebnis eher an große Oper als an eine traditionelle "Missa".

Die bravourösen ariosen Repetitionen erforderten neben großer Stimmbeherrschung auch jede Menge Durchhaltevermögen. Rossini hat seinem Vokalquartett nur wenige Atempausen in dem Wechselspiel mit dem Chor gegönnt. Der seinerseits bleibt dabei keineswegs im Hintergrund, und der Kammerchor Staufen hatte seinen Part bestens einstudiert. Der Dramatik der Solisten setzte er das sakrale Element, die meditativen Stimmbilder und die spirituelle Ausgewogenheit entgegen.

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass der Pianist Bernd Schäfer eine gigantische Aufgabe zu meistern hatte. Gemeinsam mit Hugo Degorre leistete er eine Instrumentalbegleitung, die es in sich hatte. Und das nicht nur solo beim "Prélude Religieux", dem spannungsreichen Intermezzo zwischen dem "Credo" und dem "Sanctus". Ein unablässiges Kontrastspiel von ruhelos pochenden Rhythmen, eleganten Läufen und gnadenlosen Donnerschlägen setzte instrumentale Akzente, die von den zarten, an ätherisch schwebende Engelflügel erinnernden Klänge des Akkordeons sekundiert wurden.

Mehr als einmal musste man bei dieser spektakulären Interpretation als Hörer den Atem anhalten, denn die Gegensätze von heiteren und düsteren Klangbildern hatten zeitweilig etwas nahezu Unheimliches. Es ist Kerstin Bögner und dem Ensemble an diesem Abend gelungen, Rossinis liturgisches Mega-Mosaik mit einem bemerkenswerten Facettenreichtum an Farben und Emotionen lebendig zu machen.