Freiburgs neue Linie

430 Tramfahrer müssen für die neue Rottecktram in die Fahrschule

Rolf Müller

Von Rolf Müller

Fr, 22. Februar 2019 um 10:55 Uhr

Freiburg

Neue Linie, neue Strecke, neuer Plan: 430 Fahrerinnen und Fahrer der Verkehrs-AG müssen wegen der Umstellung am 16. März derzeit unterrichtet werden. Die Strecke bietet Herausforderungen.

12.30 Uhr, Betriebshof West der Freiburger Verkehrs-AG. Der grüne Partywagen streckt etwas früh den Kopf aus der Halle. Aber ein besseres Fahrzeug haben die Fahrlehrer für die Schulungsfahrt auf Anhieb nicht gefunden – Stadtbahnen sind mittags derzeit knapp. Doch ehe die Fahrt auf dem Oldtimer starten kann, fährt zum Glück Strab 249 ein. Der GT 8 Z ist ein recht kurzes Zweirichtungsfahrzeug und bestens geeignet für die Fahrt zum Siegesdenkmal und die notwendigen Umsetzmanöver.

Ein knappes Dutzend Fahrer, drei Fahrerinnen, ein Verkehrsmeister und ein Mitarbeiter der Werkstatt machen sich darin mit den beiden Fahrerlehrern Thomas Paul und Gerd Kiefer auf den Weg zur neuen Rottecklinie, die am 16. März eröffnet wird. Die ersten Kilometer fährt der Schulungswagen auf den bekannten Schienen der Linie 5. Kurz nach der Haltestelle Heinrich-von-Stefan-Straße, künftig letzte Umsteigemöglichkeit auf die Linie 3 Richtung Bertoldsbrunnen, wird’s spannend.

An der Mattenstraße wird es Schüleransturm geben

Es geht nicht nach rechts in die Basler Straße, sondern geradeaus in die Kronenstraße – auf eigenem Gleiskörper, über einen ampelgeregelten Fußgängerüberweg in die erste der fünf neuen Haltestellen, die "Mattenstraße". Die wartet schon auf den Schüleransturm aus Angell- und Rotteck-Gymnasium. Bei der Ausfahrt aus der Haltestelle meldet sich die Bahn an der Kronenbrücke an und rollt langsam auf die Kreuzung zu, bis sich ein "Fenster" für die Fahrt über B 31 und Kronenbrücke öffnet. "Sie hält", meint der Fahrer auf der Brücke, auch die Ampeln spielen mit, und das Rasengleis in der Wertmannstraße ist schnell erreicht. Vor der Kreuzung Erbprinzenstraße liegt ein Gleiswechsel. Da können Stadtbahnwagen umsetzen, falls ein Unfall auf der Kronenbrücke die Fahrt nach Süden oder allzu buntes Treiben auf dem Platz der Alten Synagoge die Fahrt nach Norden blockieren.



220.000 Fahrgäste befördert die VAG mit ihren 430 Fahrerinnen und Fahrer jeden Tag, gewissermaßen jeden Freiburger einmal. Damit dies vom frühen Morgen bis in die späte Nacht sicher abläuft und die Fahrgäste auch ans gewünschte Ziel kommen, werden die Fahrer auf neuen oder geänderten Omnibuslinien ebenso geschult wie auf der Stadtbahn-Neubaustrecke. Zusammen mit der gesetzlich vorgeschriebenen Fortbildung erfordert das einen ganzen Arbeitstag. Dazu kommen die Verkehrsmeister und die Mitarbeiter der Werkstatt, die im Bedarfsfall mit einer Bahn zu einer Probefahrt oder zum Austausch eines defekten Fahrzeugs ins Netz müssen. Macht betriebswirtschaftlich gut zwei komplette Fahrer-Arbeitsjahre.

Die Haltestelle "Erbprinzenstraße" ist so angelegt wie am Holzmarkt: Solange eine Bahn in der Haltestelle steht, hat der Individualverkehr auf der Fahrradstraße Rot. Was die Radler bei der Schulungsfahrt allerdings wenig beeindruckt. Und den Fahrern nur zu bekannt ist.
Neue Linien, neue Wege

Die Rottecktramlinie wird am 16. März 2019 mit Freifahrten und einem Fest eröffnet. Damit ändert sich Weg der Stadtbahn-Linie 5 – und noch mehr: Statt der 5 wird die Linie 2 von Günterstal aus im Zehn-Minuten-Takt über Bertoldsbrunnen und Hauptbahnhof zur Hornusstraße fahren.

Auch einige Buslinien werden neu justiert: Die Linie 10 fährt künftig im Wechsel mit der Linie 36 durch die Elsässerstraße zur gleichnamigen Haltestelle der Linie 4, was das Umsteigen am selben Bahnsteig erlaubt, und weiter zur Bissierstraße. Dafür fährt eine Linie 22 von der Bissierstraße anstelle der Linie 10 ins Industriegebiet Nord und eine Linie 23 sechsmal täglich vom Hauptbahnhof aus auf der alten 11er-Route über die Kaiserstuhlstraße Richtung Industriegebiet Nord und über die Engesser- zur Gundelfinger Straße.

Dort hält die Linie 4 auf dem West-Gleis, was das Umsteigen zwischen Bus und Bahn erleichtert. Die Buslinie 27 endet künftig am Siegesdenkmal/Europaplatz. Außerdem ändern sich die Wege der Buslinien in Ebnet und der 24 im Rieselfeld, dazu werden an mehreren Umsteige-Haltestellen die Positionen verschoben, an denen die Busse auf Umsteiger warten.

Wo der eigene Gleiskörper mit Abgrenzung zur Straße endet, wird’s kritisch: Die Straßenbahn hat an der Kreuzung Belfort-/Rempartstraße Vorfahrt; doch es gibt keine Ampeln, dafür etliche Linksabbieger und noch mehr Radfahrer aus allen möglichen und eigentlich unmöglichen Richtungen.

Entsprechend behutsam steuert der Fahrer über die Kreuzung und lässt die Bahn an der UB vorbei über den Platz der Alten Synagoge rollen. Die Stadtbahn ist ein neuer Anblick und wird bestaunt. Ein älterer Passant will bei einem kurzen Stopp vor der Kreuzung Bertoldstraße schon einsteigen.

Zwischen zwei Bahnen auf der stark befahrenen Bertoldstraße schleicht sich Strab 249 über die Kreuzung in die neue Haltestelle "Stadttheater". "Vorsicht bei der Ausfahrt", ruft Fahrlehrer Paul, "hier wenden Autos." Zudem warnt ein Schild vor den Polizeiwagen, die hier mit Blaulicht und Sirene ausfahren. Problemlos lässt sich die Einmündung der Eisenbahnstraße samt Ausfahrt aus der Rotteck-Garage queren. Ampeln stoppen den gesamten Verkehr, wenn die Bahn kommt.

Wendende Autos und Radler aus allen Richtungen

Die Schienen fühlen sich noch etwas rauh und unruhig an, die müssen noch ein paar Mal geschliffen werden, meint Paul. Wieder auf eigenem Gleiskörper vorbei am Colombipark geht’s zur Haltestelle Fahnenbergplatz. Die Fußgängerfurt erfordert erhöhte Aufmerksamkeit, so recht klar ist nicht, wer Vorrang hat.

Beim Abbiegen in den Friedrichring werden Fußgänger und Autos mit Ampeln auf Abstand gehalten, doch ein paar Meter weiter kommt der gefährlichste Punkt der ganzen Strecke, so Fahrlehrer Paul: Ein dickes Abluftrohr versperrt den Blick auf Radler und Fußgänger, die die Einfahrt in Richtung Unterlinden-Garage verbotenerweise in Gegenrichtung nutzen.

Gefahrenstelle Nummer zwei schließt sich an der Kreuzung Merianstraße an. Da wurde der Schaltkasten für die Ampeln so dicht an den Schienen platziert, dass sich Kinder oder Kinderwagen dahinter verbergen können. Auf den Gleiswechsel danach weist Paul besonders hin, der wird im normalen Betrieb genutzt. Auf dem setzen die Bahnen der Linie 5, deren Fahrt am Siegesdenkmal endet, für die Rückfahrt um. Und obendrein die Linie 4, falls die Kaiser-Josef-Straße dicht ist – das Gleisdreieck am Siegesdenkmal macht’s möglich. Probleme könnte es an der Zufahrt zur Tiefgarage Schwarzwald-City an Samstagen geben, wenn Warteschlangen auf den Gleisen stehen.

Glücklich nach knapp zwei Kilometer Neubaustrecke in der neuen Haltestelle Europaplatz angekommen, erklärt Fahrlehrer Gerd Kiefer, wie die Buslinie 27, die hier endet, künftig wendet und was es mit den beiden Ampeln auf sich hat, die die Ausfahrt aus der Haltestelle regeln. Eine auffällige Stahlkonstruktion am Haltestellen-Dach ist kein Architekten-Einfall, sondern für den Stromabnehmer des bereits bestellten Elektro-Busses gedacht, um vor der Rückfahrt nach Herdern Energie zu tanken. Besonders interessiert die Fahrschulgruppe der Fahrer-Aufenthaltsraum im neuen Pavillon, der wie die Sanitärräume noch nicht ganz fertig sind. Die Rückfahrt endet am Gleiswechsel vor der Kronenbrücke, um die ganze Strecke ein zweites Mal zu befahren, ehe der Betriebshof angesteuert wird. Dort warten zwei Stunden Theorie und Anregungen der Fahrerinnen und Fahrer.

Mit Theorie hat der Schulungstag um 8 Uhr auch begonnen: mit den Neuheiten bei Linien, bei Strecken- und Fahrzeugtechnik. Besonders bei den drei neuen Citaro 530 G Gelenkbussen gibt es einige Änderungen, die den Fahrern unter Umständen überraschende Probleme bereiten können.

Nach dem Theorieblock gab’s zunächst Praxis im Fahrschulbus 844. Denn während die Straßenbahn dank Programmierung den richtigen Weg im Zweifel alleine findet, muss der Bus-Chauffeur die Route im Kopf haben. Und weil der Weg der neuen Linie 23 gleich mit zwei Umleitungen aufwartet, wird er mit der ganzen Truppe abgefahren.

An der Kreuzung Stefan-Meier-Straße und Rennweg entsteht ein Wohnhaus und der Bus muss über die Sautierstraße fahren. Nicht unbedingt ein Vergnügen für den Fahrer eines Gelenkbusses, ebenso wenig die enge Kaiserstuhlstraße. In der Hans-Bunte-Straße gibt es die nächste baustellenbedingte Umleitung über die Zinkmattenstraße gleich auf den drei Linien 22, 23 und 24. An all das müssen die Fahrerinnen und Fahrern denken, wenn sie ab 16. März ihren Dienst antreten.

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