Birgit Lieber vom Dachverband Entwicklungspolitik

Fair kaufen ist kein Almosen

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mo, 17. Juni 2019 um 18:33 Uhr

Waldkirch

Ein interessiertes Publikum hörte im Bürgersaal der Stadt Waldkirch den Vortrag: "Alles fair oder was? – Zwei Wege des fairen Handels." Birgit Lieber erläuterte Faktoren und Bedeutung des fairen Handels.

"Viele der Produkte, die wir konsumieren, werden unter schlechten Bedingungen hergestellt, beispielsweise Schokolade oder Handys", berichtete Lieber. Gerade bei der Herstellung von Handys ist es vor allem der Rohstoffabbau, bei dem Arbeitsbedingungen und die Vertreibung von Kleinbauern problematisch sind. "Den Preis zahlt der globale Süden". Paradox sei der Zusammenhang europäischer Überproduktion mit dem Elend etwa in Kamerun: "Hier wurden Kleinbauern mit Entwicklungsgeldern unterstützt und eine Milchwirtschaft aufgebaut, die gut funktionierte. Dann kam die wesentlich billigere Milch aus Europa und viele der Molkereien mussten aufgeben", bemerkte Lieber.
"Wenn ihr gerechte Preise zahlt, könnt ihr eure Almosen behalten", zitierte Lieber den brasilianischen Erzbischof Dom Helder Camara. Einen höheren Preis zu zahlen, bedeute nicht, dass man eine milde Spende leistet, sondern Arbeit gerecht bezahlt. "Erst angemessene Preise begründen ein nicht abhängiges Verhältnis und ermöglichen eine Partnerschaft auf Augenhöhe", betonte Lieber.
"Normalerweise sind es Kleinbauern, die keine Möglichkeiten haben, am Markt teilzunehmen", so Lieber. Das könne von Abgelegenheit, Stigmatisierung bestimmter Volksgruppen oder von der politischen Lage herrühren. "Der Zusammenschluss zu einer Kooperative oder einer Genossenschaft macht hingegen eine Marktbeteiligung möglich".

Ein fairer Preis wird von zwei Dimensionen bestimmt. Zum einen wird mehr gezahlt, als es für die Ernte ortsüblich wäre. Obendrauf kommt eine Fairhandelsprämie, die voll an die Kooperative ausgezahlt wird. Die Entscheidung darüber, ob beispielsweise in eine Krankenstation, einen Kindergarten oder eine Schule investiert werden soll, werde in ihr gemeinschaftlich getroffen, denn "die Menschen vor Ort wissen selbst am besten, was benötigt wird."
"Ein fairer Lohn ist ein existenzsichernder Lohn", sagte Lieber. Das bedeute, dass die Kosten für die Produktion, die Gesundheitsversorgung, Schulgeld und Rücklagen für Not- und Krisenzeiten, damit abgedeckt sein sollen.
"Der Handel an den Börsen unterliegt starken Schwankungen, die Produktion bleibt aber immer gleich teuer", erläuterte sie. Kaffeepreiskrisen hätten bereits zu Hungerrevolten geführt. Deshalb werde derzeit pro Sack (60 Kilogramm Afrika/69 Kilo Südamerika) ein fester Preis von 140 Euro sowie die Fairhandelsprämie gezahlt. Sobald der Weltmarktpreis diesen Preis überschreitet, wird nach dem Markt gezahlt.
Unter der Fragestellung "Fairer Handel Lug und Trug?" ging Birgit Lieber auf die Stärken und Schwächen des Konzepts ein. Nicht immer könnten Bauern die gesamte Ernte in den fairen Handel verkaufen. Manchmal gebe es auch alte Plantagen, die nicht mehr ausreichend Ertrag lieferten. Dann gebe es Baumschulen, die von Fairtrade unterstützt werden und Ersatzpflanzungen lieferten. Auch die Zucht von resistenten Pflanzen, beispielsweise gegen den Kaffeerost, wird von Fairtrade unterstützt.
Ein wichtiges Merkmal fairen Handels sei auch die Langfristigkeit der Handelsbeziehungen, die ohne Strafzahlungen aufrecht erhalten bleiben, auch wenn einmal nicht geliefert werden kann. Die Arbeitsbedingungen der Produzenten orientieren sich an der ILO-Arbeitsnorm (UN-Arbeitsorganisation), die Kinder- und Zwangsarbeit verbietet, Arbeitssicherheitsstandards vorgibt und eine Versammlungsfreiheit der Arbeitenden garantiert. Geschlechtergerechtigkeit, Umweltschutz, Ausbildung beziehungsweise Bildung und Transparenz sind weitere Standards des fairen Handels.
"Zusammengefasst sind Bildung, Verkauf und Öffentlichkeitsarbeit die drei Säulen des fairen Handels", so Lieber, denn gerade Lobbyarbeit, aber auch das Bekanntmachen des fairen Handels bei den Konsumenten gehören dazu.
"Im fairen Handel gibt es zum einen das Fairtrade-Siegel, zum anderen die WfTO (World fair Trade Organisation)". Während das Fairtrade-Siegel für Produkte vergeben wird, muss man sich bei der WfTO als Mitglied bewerben.
Das Fairtrade-Siegel ist vor allem für den konventionellen Handel bedeutsam, die Produkte der WfTO-Mitglieder dagegen werden vor allem in den Weltläden, aber auch über Händler wie die GEPA oder dwp verkauft. "Das ist dann sicher 100 Prozent fairer Handel", so Lieber.
Ein weiterer Unterschied des Fairtrade-Siegels zur Mitgliedschaft bei der WfTO ist der Mindestbestandteil bei Mischprodukten. Während es bei Fairtrade nur 20 Prozent sind, liegt der Anteil bei der WfTO bei mehr als 50 Prozent. Für beide gilt: Was an Bestandteilen fair möglich ist, muss fair sein.

Beim Fairtrade-Siegel gibt es außerdem den Mengenausgleich. So können etwa in einer Saftfabrik fair gehandelte und normale Ursprungsprodukte gemischt gepresst werden, da es sich sonst nicht lohnt. Im Anschluss wird dann entsprechend der angelieferten Menge fairer Erzeugnisse Saft mit dem Fairtrade-Siegel verkauft.

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