Auszeichnung für Lokaljournalismus der BZ-Verleger

Andreas Schmidt und Björn Wisker gewinnen Ralf-Dahrendorf-Preis 2019

Jannik Jürgens

Von Jannik Jürgens

Mo, 17. Juni 2019 um 20:06 Uhr

Freiburg

Die Gewinner des Ralf-Dahrendorf-Preises machen selten pünktlich Feierabend und bohren bei ihren Recherchen dicke Bretter. Am Montag wurden sie im Freiburger Konzerthaus ausgezeichnet.

Die Jury zeichnete in diesem Jahr Andreas Schmidt und Björn Wisker von der Oberhessischen Presse mit dem ersten Preis, ein Recherche-Team der Stuttgarter Zeitung mit dem zweiten Preis, Alice Echtermann (Weser Kurier) mit dem dritten Preis und Mandy Fischer und die Redaktion der Freien Presse Chemnitz mit einem Lob aus.

Die Journalisten deckten umstrittene Grundstücksgeschäfte in Marburg und Unterrichtsausfall in Stuttgart auf, schauten mit der Lupe auf einen Bremer Stadtteil mit schlechtem Ruf und stellten eine Plattform für Bürgerdialog in Chemnitz auf die Beine.

Lady Christiane Dahrendorf und BZ-Herausgeber Thomas Hauser verliehen die Preise am Montagabend im Freiburger Konzerthaus. "Journalisten schaffen Transparenz. Dadurch helfen sie, Institutionen zu schaffen, denen die Bürger vertrauen können", sagte Christiane Dahrendorf und fügte hinzu: "Die Preisträger haben mich tief beeindruckt."

Video: Lady Dahrendorf wünscht sich Journalisten mit Mut und Ausdauer



Gestiftet wird der mit insgesamt 10.000 Euro dotierte Preis von den Verlegern der Badischen Zeitung, Dr. Christian Hodeige und Wolfgang Poppen. Die Jury des Dahrendorf-Preises beschäftigte sich mit fast 80 Einsendungen. Das sind die Werke der Preisträger:

1. Preis: Zwei Journalisten lassen sich nicht einschüchtern

Zwei Unternehmen haben bereits eine schriftliche Zusage, doch dann erhält plötzlich eine dritte Firma den Zuschlag für die letzten freien Gewerbeflächen im Marburger Stadtwald. Mit dieser Nachricht begann für Andreas Schmidt und Björn Wisker von der Oberhessischen Presse eine dreimonatige Recherche, an deren Ende einige Akteure aus der Marburger Wirtschaft und Politik "uns mit dem Arsch nicht mehr angucken wollten" (O-Ton Wisker) und der umstrittene Grundstücksdeal zwischen einer Tochtergesellschaft der Stadt Marburg, Kommunalpolitikern und Privatunternehmen schließlich platzt.

"Die beiden Journalisten haben Licht ins Gestrüpp gebracht", lobte Laudator Berthold Hamelmann die Arbeit des Recherche-Duos. Licht in ein Gestrüpp, das aus vermuteter persönlicher und politischer Vorteilsnahme und aus Inkompetenz der Beteiligten bestand. Für die betroffenen Unternehmen und die Marburger Stadtkasse hätte der Deal große Auswirkungen gehabt. "Das alles bedarf eines langen Atems und einer Beharrlichkeit", sagte Hamelmann. Schmidt und Wisker recherchierten drei Monate lang, zusätzlich zum Tagesgeschäft. "Wir haben fast jeden Tag zwei bis vier Stunden drangehangen", sagt Björn Wisker.
Der Ralf-Dahrendorf-Preis

"Alle politischen Entwürfe sind der verbindlichen Kritik der Bürger unterworfen." Die Forderung erhob Ralf Dahrendorf bereits 1968, sie hat nichts an Richtigkeit verloren. Aber wie steht es mit der Realität? Die Digitalisierung des Alltags schafft auf der einen Seite eine nie gekannte Informationsvielfalt. Aber die schiere Fülle der jederzeit verfügbaren Informationen befördert noch lange nicht die Transparenz. Hier setzt der Ralf-Dahrendorf-Preis für Lokaljournalismus an. Ausgezeichnet werden kritische und engagierte Journalisten, die Informationen beschaffen, einordnen und bewerten, die sich für möglichst viel Öffentlichkeit und Transparenz einsetzen und so mithelfen, die Demokratie vor Ort zu sichern und zu verteidigen. Ralf Dahrendorf war bis zu seinem Tode Berater der Badischen Zeitung und dem Herausgeber Dr. Christian Hodeige über viele Jahre freundschaftlich verbunden. Schirmherrin des Preises ist die Witwe des Sozialwissenschaftlers, Christiane Dahrendorf.

Die Recherche kommt zustande, weil sich Schmidt und Wisker zusammentun. Der eine ist Wirtschafts-, der andere Politikredakteur. Beide haben verschiedene Informationen über den umstrittenen Grundstücksdeal, erst gemeinsam ergeben sie Sinn. "Die Teilchen haben sich wie bei einem Puzzle zusammengesetzt", sagt Björn Wisker.

Die stetige Berichterstattung habe das Thema zum Stadtgespräch gemacht, auch wenn die Grundstücksvergabe an Unternehmen auf den ersten Blick ein eher sprödes Thema sein möge. Hamelmann: "Politische Probleme und Zusammenhänge erkennbar zu machen, durch entsprechende Kommentierung zu einem Meinungsbild beizutragen, all dies ist den beiden Journalisten vorbildlich gelungen."

Die Stadtverwaltung habe sich über die Berichterstattung nicht gefreut. "Gleich zu Anfang wurde uns mit juristischen Konsequenzen gedroht", berichtet Björn Wisker. Trotzdem blieben die beiden Journalisten am Thema dran . Sie seien von vielen Lesern auf die Recherche angesprochen worden. "Das ist das schönste, was passieren kann", sagt Wisker. Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert.

2. Preis: Datenerhebung zum Unterrichtsausfall stellt Zahlen des Ministeriums in Frage

Das Thema ist ein Dauerbrenner: Eltern klagen seit Jahren, dass immer mehr Unterricht ausfällt. Doch in den Erhebungen des Kultusministeriums Baden-Württemberg spiegelt sich das nicht wider. Ein Team der Stuttgarter Zeitung stürzte sich deswegen in eine aufwendige Recherche, um selbst Daten zu erheben. Dabei kontaktierten die Journalisten fast 200 weiterführende Schulen in Stuttgart – und trafen häufig auf eine Mauer aus Schweigen und Angst vor Repressalien der Schulverwaltung.

"Tatsächlich war die Datenerhebung das schwierigste", sagt Multimedia-Redakteur Jan Georg Plavec. Das Team habe die Schulen angerufen und angeschrieben, manchmal zwei oder drei Mal. Eine Praktikantin sei damit über eineinhalb Monate beschäftigt gewesen.

Die Journalisten erhoben eine repräsentative Datengrundlage. Dabei zeigte sich: Jede zehnte Stunde findet nicht wie geplant statt, deutlich mehr als bislang vermutet. Zwischen den Schularten und den Schulwochen gab es allerdings große Unterschiede. Eine Folge der Recherche: Kultusministerin Susanne Eisenmann kündigte im Interview an, statt einer in den Schulbezirken nicht repräsentativen Stichprobe fortan mehrmals im Jahr eine Vollerhebung zum Unterrichtsausfall an allen Schulen in Baden-Württemberg durchzuführen. Elternvertreter, die im gleichen Zeitraum ebenfalls Daten erhoben hatten, wollen nun eine Klage anstrengen. Weil so viel Unterricht ausfalle, sehen sie ihre Kinder benachteiligt.
Namhafte Journalisten

Die Jury des Ralf-Dahrendorf-Preises besteht aus fünf Journalistinnen und Journalisten. Dieses Jahr beschäftigte sich das Gremium mit fast 80 Einsendungen. Zur Jury gehören:
Werner D’Inka
, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Berthold Hamelmann, stellvertretender Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung
Thomas Hauser, Herausgeber der Badischen Zeitung
Annette Hillebrand, Dozentin und Autorin, ehemalige Direktorin der Akademie für Publizistik in Hamburg
Ulrike Trampus
, Chefredakteurin der Ludwigsburger Kreiszeitung

Für die Zeitung produzierten die Redakteure eine zwölfteilige Serie mit dem Titel "Achtung, Unterrichtsausfall!". Den Auftakt machte eine Doppelseite, in der die Ergebnisse der Datenerhebung präsentiert wurden. "Außerdem haben wir kritisiert, dass das Ministerium seine Zahlen zum Teil nicht herausgibt", sagt Plavec. So seien nur Werte für Regierungsbezirke veröffentlicht worden, aber keine Durchschnittswerte für alle 26 Stuttgarter Gymnasien. "Es war erschreckend, wie wenig die Behörden auf das Auskunftsrecht der Presse gegeben haben", sagt Plavec. Auskunftspflichtige Stellen hätten oft gar nicht geantwortet oder die Journalisten seien barsch abgewiesen worden. In den weiteren Serienteilen besuchten die Journalisten einen überforderten Stundenplanmacher und eine gefrustete Vertretungslehrerin. Sie sprachen mit Eltern und Jugendlichen und erklärten, warum Ganztagsschulen den Unterrichtsausfall besser im Griff haben. Ein Blick ins Archiv zeigte, wie emotional in Stuttgart schon in den 1990er Jahren über das Thema gestritten wurde.

Die Jury lobte neben der Rechercheleistung auch die journalistische Umsetzung. "Da wird nicht mit dem Finger auf vermeintliche Versager oder Faulenzer gezeigt, die Berichterstattung wird vielmehr der Komplexität des Themas jederzeit gerecht", sagte Laudator Werner D’Inka. Der zweite Preis ist mit 3000 Euro dotiert.

3. Preis: Eine Recherche über ein Viertel und seinen schlechten Ruf

Als die Redaktion des Weser Kuriers auf die Idee kam, den Bremer Stadtteil Huchting zu porträtieren, meldete sich Alice Echtermann sofort. Die Journalistin ist in Huchting aufgewachsen, diesem Teil Bremens, der immer dann in die Schlagzeilen gerät, wenn Autos brennen und Schießereien stattfinden. Er gilt vielen als Problemviertel, manchen als Getto. Echtermann stellt eine Bedingung: Sie möchte eine Woche lang in Huchting wohnen und mit den Menschen reden, für die das Viertel Heimat ist. Die Journalistin, die Huchting schon lange hinter sich gelassen hat, stellt sich die Frage: Warum bleiben?

In dieser Woche trifft Alice Echtermann viele Huchtinger. Einen Polizisten, eine Quartiersmanagerin, einen Shisha-Laden-Besitzer, einige Frauen, die sich regelmäßig zum Frühstück treffen, mehrere Lehrer und einen Hausmeister. Die Menschen erzählen, was sie an ihrem Stadtteil mögen, was ihnen auf den Geist geht und warum sie sich als eingeschworene Gemeinschaft betrachten. Annette Hillebrand begründet die Entscheidung der Jury in ihrer Laudatio so: "Hier kommen Menschen zu Wort, von denen selten etwas zu lesen ist, viel zu selten. Die sogenannten einfachen Bewohnerinnen und Bewohner. Ihnen hat sich die Autorin mit Respekt und Neugier genähert, hat deren Vertrauen gewonnen und sie verschweigt auch nicht, was diese Menschen so an vermeintlich politisch Unkorrektem äußern."

Die Themen der Huchtinger verstrickt Echtermann mit ihren persönlichen Eindrücken und Erinnerungen aus der Kindheit. Dass Echtermann die Reportage in der Ich-Form geschrieben hat, habe die Jury laut Laudatorin Hillebrand zunächst leicht verstimmt. Denn: "Reporterinnen sind eher mal nicht interessant; was sie so denken und fühlen, kann den Leserinnen herzlich egal sein." Doch schließlich sei die Jury zur Einschätzung gekommen, dass die Ich-Perspektive dem Text gut tue. Sie verleihe einen angenehm persönlichen Ton und stärke die Glaubwürdigkeit. Durch ihre Zugehörigkeit stellte sich schnell Nähe zwischen den Huchtingern und der Journalistin her. "Das war meine Eintrittskarte", sagt Echtermann.

Dabei habe sie gar nicht so gerne in Huchting gewohnt. Trotzdem fand Echtermann, dass die Berichterstattung über Huchting nicht ausgewogen genug war: "Der Stadtteil verdient es, dass man genauer hinschaut." Der dritte Preis ist mit 2000 Euro dotiert.

Lob der Jury: Eine Redaktion wird zum Dienstleister für Bürger

Im Spätsommer 2018 droht die Stadt Chemnitz zu zerreißen. Zwei Asylbewerber werden verdächtigt einen 35-jährigen Deutschen am Rande des Stadtfestes erstochen zu haben. Daraufhin marschieren Rechtsextreme auf und es kommt zu Jagdszenen auf Migranten. Das Gesprächsklima in der Stadt ist vergiftet. "Die Stadtgesellschaft war von diesen Ereignissen gelähmt", beschreibt Mandy Fischer von der Freien Presse die Situation. Über das Lesertelefon und E-Mails äußerten die Chemnitzer den Wunsch darüber zu reden, wie es weitergeht. "Viele wollten sich auch versichern, dass Chemnitz nicht so einseitig ist, wie es dargestellt wurde", sagt Fischer.

Video: BZ-Herausgeber Thomas Hauser: "Ralf Dahrendorf ist brandaktuell"



Die Freie Presse nutzte ihre Glaubwürdigkeit und Reichweite, um eine Plattform für Bürgerdialog ins Leben zu rufen. In kurzer Zeit stellte die Redaktion ein Workshop-Format auf die Beine, bei dem Flüchtlingshelfer und Asylkritiker miteinander ins Gespräch kamen – immer mit der Grundannahme: Der andere könnte recht haben. Moderiert wurden die Gespräche von anerkannten Persönlichkeiten der Stadtgesellschaft: einem ehemaligen Polizeipräsidenten, einem Vorstandsmitglied der Volksbank und dem aktuellen Präsident der Industrie- und Handelskammer. "Wir wollten damit auch sicherstellen, dass die Gespräche nicht eskalieren", sagt Fischer.

Bei der Organisation der Veranstaltung sei den Journalisten Transparenz ein besonders Anliegen gewesen. Da nicht alle Leser teilnehmen konnten, wurde gelost. Die Redaktion nahm ein Video von der Leser-Ziehung auf. "Damit hätten wir später beweisen können, dass wir nichts beeinflusst haben", sagt Fischer. Doch niemand zweifelte die Verlosung an und das Video blieb unveröffentlicht.

Auf mehreren Zeitungsseiten dokumentierte die Freie Presse die Veranstaltung. Dabei kamen konkrete Vorschläge an die Stadtverwaltung zustande: mehr Parkplätze für Frauen und beleuchtete Wege. Laudator Holger Knöferl lobte: "Es galt auch zu akzeptieren, dass es zum Schluss keinen Konsens geben würde. Das gehört zur Demokratie dazu. Die Plattform zu bieten, den mahnenden Zeigefinger in der Tasche zu lassen, das ist zeitgemäßer Lokaljournalismus, der einem gesellschaftlichen Wandel gerecht wird." In diesem Jahr gab es bereits einen weiteren Workshop. Thema: Mobilität in der Stadt. Das Lob der Jury ist undotiert.