Die Kommunikation ist "ausbaufähig"

Dominik Heißler

Von Dominik Heißler

Mo, 21. Oktober 2019

Freiburg

Unter anderem um die Bedeutung der Selbsthilfegruppen in der Behandlung von Krebserkrankungen ging’s bei einem Patiententag.

FREIBURG-STÜHLINGER. Selbsthilfe und neue Heilverfahren standen im Mittelpunkt des Patiententags "Gemeinsam gegen Krebs" am Samstag. Im Hörsaal der Frauen-Uniklinik gab es Vorträge von der psychosozialen Krebsberatungsstelle und den Klinikdirektorinnen und -direktoren. Der Patiententag war Teil des Programms zum 40-jährigen Bestehen des Tumorzentrums (CCCF – Comprehensive Cancer Center Freiburg) und zu zehn Jahren Psychosoziale Krebsberatungsstelle.

Louma Kalie kam aufgrund des Kriegs in Syrien vor fünf Jahren nach Deutschland. "Gerade hatte ich angefangen in einem anderen Land, da bekam ich die Diagnose Brustkrebs", sagt die 42-Jährige, die als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Freiburger Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie arbeitet, bei ihrem Vortrag über Frauenselbsthilfe nach Krebs. Schon Anfang der 2000er hatte sie in Deutschland promoviert, forschte daran, wie man Brustkrebs bekämpfen kann. Dann war sie auf einmal selbst Patientin. Wütend und hilflos sei sie gewesen, sagt sie, habe versucht, es allein zu schaffen. Ihrer Familie in Syrien sagte sie nichts über ihre Erkrankung.

Eines Tages drückte ihr eine deutsche Freundin einen Flyer der Frauenselbsthilfegruppe in die Hand. "Ich habe meinen Mut zusammengenommen und bin hin", erinnert sie sich. Dort habe sie gelernt, "dass ich mich als kranken Menschen wahrnehmen darf, dass ich meine Gefühle zeigen kann und soll". Alleine habe sie das nicht erreichen können. Die Selbsthilfegruppe habe sie "zurück ins Leben gebracht".

Die Zusammenarbeit der Selbsthilfegruppen mit den Kliniken laufe gut, aber die mit den Medizinern sei "ausbaufähig". Kommunikation sei das A und O, und die "ist wie ein guter Espresso: konzentriert und energiegeladen", sagt sie. Viele der rund 110 Zuhörenden lachen. Louma Kalies Vorschläge: Ärztinnen und Ärzte könnten in die Gruppen kommen, die Selbsthilfe durch Flyer und Plakate präsenter in den Kliniken werden. Frauen- und Männergruppen könnten sich mehr vernetzen.

Joachim Weis leitet die Stiftungsprofessur Selbsthilfeforschung. "Wir können von Ihren Erfahrungen lernen, und wir suchen den Dialog", sagt er an die Vertreter der Selbsthilfegruppen. Die Selbsthilfe sei eingebunden in der Rehabilitation, der ambulanten Versorgung, der Akutversorgung. Die Gespräche in den Gruppen böten praktische Hilfe und könnten Angst und Unsicherheit reduzieren. Der Forschungsbedarf sei hoch.

Das gilt auch für neuartige Heilverfahren. Justus Duyster, der Ärztliche Direktor der Klinik für Hämatologie und Onkologie, attestiert der Immuntherapie enorme Fortschritte in den vergangenen fünf bis sechs Jahren: Nach fünf Jahren einer solchen Therapie würden noch zwei Drittel der Patienten leben. Das sei keine Heilung, betont er, aber es ermögliche eine langfristige Kontrolle der Erkrankung: "Die Studien haben erst begonnen. In den nächsten Jahren werden wir noch große Verbesserungen erzielen."

Auf Nachfrage aus dem Publikum erklärt Duyster, eine Immuntherapie werde vor allem bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen angewendet, oft auch als Ergänzung zur Strahlentherapie.

Anca-Ligia Grosu ist die Ärztliche Direktorin der Klinik für Strahlenheilkunde. "Wir können Strahlen hochpräzise anwenden", erklärt sie. Bei Prostatakrebs etwa werde nicht die ganze Prostata, sondern nur der Tumor bestrahlt. Ein Verfahren ist die Brachytherapie: Dabei wird eine Nadel in den Tumor gebracht, die kurzzeitig hohe Strahlung aussendet. Für Planung und Monitoring einer Behandlung sei die Bildgebung extrem wichtig – wofür das Freiburger Uniklinikum international bekannt sei. Ziel sei es, die Behandlungsdauer auf fünf Tage zu verringern.

Der Ärztliche Direktor der Klinik für Urologie Christian Gratzke präsentiert das robotisch-assistierte Operieren mit dem da Vinci-System (die BZ berichtete). Seit März hätten sie damit 170 Patienten operiert, meist Tumore an der Prostata und den Nieren entfernt – hochpräzise, minimal invasiv und mit geringem Blutverlust. "Google baut gerade mit Johnson & Johnson einen Roboter mit eigenen Eigenschaften", verweist er auf die Zukunft. Dieser Roboter könne dank Zehntausender Patientendaten den Weg weisen, wo man am besten operiere.

Infos über Selbsthilfegruppen unter http://www.selbsthilfegruppen-freiburg.de Tel.  0761/2168735.