"Die Lage hat sich verschärft"

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Di, 20. August 2019

Freiburg

BZ-INTERVIEW mit Bernd Pfundstein, der als Leiter der Fußball-Abteilung beim "SvO Rieselfeld" händeringend nach Trainern sucht.

FREIBURG-RIESELFELD. Dass von 58 Trainern und Trainerinnen der 21 Jugend- und zwei Herrenmannschaften in der Fußball-Abteilung vom Verein "Sport vor Ort-Rieselfeld" immer wieder mal jemand aussteigt, ist normal – doch in diesem Sommer waren es gleich sechs Haupt- und drei Co-Trainer auf einmal, die außerdem allesamt schwer zu ersetzen sind. Anja Bochtler sprach mit Bernd Pfundstein, dem Leiter der Fußballabteilung, über die Herausforderung für Vereine, in Zukunft genügend Engagierte zu finden.

BZ: Wie ging es Ihnen, als Sie erfahren haben, dass Sie sechs Haupttrainer gleichzeitig verlieren?
Pfundstein: Ich dachte: ohje, wie geht es weiter? Es war immer schon eine Sucherei, wenn ein Trainer wegfiel. Und diesmal sind gleich sechs Haupttrainer gleichzeitig gegangen. In der Regel hat jede Mannschaft einen Haupt- und einen Co-Trainer, manchmal sind die Trainer auch zu dritt. Die sechs Haupttrainer, die jetzt gingen, haben ältere Jugendliche trainiert – da ist es viel schwerer, Ersatz zu finden als bei den Kleineren. Und alle haben sehr viel Organisation übernommen, die immer dazu gehört, zum Beispiel, wenn Spiele auswärts stattfinden. Und sie waren sehr zuverlässig.
BZ: Warum haben so viele gleichzeitig aufgehört?
Pfundstein: Dafür gab es ganz unterschiedliche Gründe. Eine Kollegin bekam ein Angebot als Trainerin bei der Mädchenmannschaft der Sportvereine Sand bei Kehl, deren Frauen in der Bundesliga spielen – das war für sie natürlich attraktiv. Zwei sind bald mit ihrem Referendariat fertig und ziehen dann wahrscheinlich weg. Einer ist beruflich und familiär stark eingebunden, einer hat ins Organisationsteam gewechselt, einer will einfach mal eine Weile frei machen.
BZ: Trotz der zugespitzten Lage haben Sie in den vergangenen Monaten für die meisten Trainer Ersatz gefunden.
Pfundstein: Anfangs war es noch das übliche Rumfragen, das ging hier früher immer ganz gut: Man kennt sich im Stadtteil, alle sagen es allen weiter, die sie kennen. Doch es wird immer mühsamer. Und angesichts der Qualität der Trainer war es erst recht schwer. Bei Kindern in den Anfängermannschaften kommen die Eltern meist mit zum Training ihrer Kinder, dadurch ist die Hürde nicht so groß, selbst Trainer zu werden. Wer die Kleinen trainieren will, muss nicht mal selbst gekickt haben, wir bieten für Einsteiger auch Schulungen an. Später wird es anspruchsvoller, da geht es ums Spiel, um Taktik. Solche Leute brauchten wir. Ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, doch die Suche hat mich noch nie so aufgerieben und so viel Zeit gekostet wie dieses Jahr. Zwischenzeitlich hatten wir überlegt, Mannschaften abzumelden – trotz der Jugendlichen, die kicken wollen. Inzwischen suchen wir nur noch Trainer für die Altersstufen 17/18 , 11/12 und 7/8 Jahre.
BZ: Dass es schwieriger wird, Engagierte zu finden, beklagen die meisten Vereine – ist es in der überschaubaren Rieselfeld-Struktur nicht noch einfacher als anderswo?
Pfundstein: Das kann ich schwer einschätzen. Aber die Lage hat sich bei uns ganz klar verschärft: Für viele ist die berufliche Situation angespannter als früher. Und die persönliche Einstellung zu Vereinen hat sich gewandelt. Es gibt leider immer mehr, die meinen, es genüge, den Beitrag zu bezahlen, wie bei einem Fitnesscenter – doch dort sind die Preise sehr viel höher als im Verein. Es wird sogar immer mühsamer, Leute zu finden, die beim Sommerfest mal zwei Stunden an der Theke stehen. Es fehlt hier oft eine emotionale Bindung an den Verein. Ein Grund dafür ist bei uns sicher auch, dass wir trotz unserer knapp 2500 Mitglieder und acht Abteilungen keine Vereinsgaststätte haben, die das Gemeinschaftsgefühl und die Identifikation stärkt.
BZ: Wie sind Sie selbst zum Verein gekommen?
Pfundstein: Das war ganz klassisch, 2006 fing mein damals fünfjähriger Sohn an, beim Sportverein Opfingen zu kicken. Erst war ich Zuschauer, dann fragte mich irgendwann der Trainer, ob ich ihn mal vertreten kann, so bin ich reingerutscht. Ich habe selber meine ganze Jugend Fußball gespielt, aber auch Tennis, Squash und Badminton. Später suchte die Fußballabteilung vom "Sport vor Ort-Rieselfeld" einen Leiter für die neu gegründete Abteilung und kam auf mich zu. Mein jetzt 18-jähriger Sohn spielt immer noch, und auch meine Töchter, die zehn und 16 Jahre alt sind, spielen Fußball bei uns im Verein.

Bernd Pfundstein, 53 Jahre alt, ist Ingenieur und leitet in seiner Freizeit die Fußballabteilung des Vereins "Sport vor Ort-Rieselfeld" (SvO). Dort ist er auch selbst Trainer, derzeit für das A1-Team der 17- und 18-jährigen Jungs, in der auch sein Sohn spielt. Infos: http://www.svo-rieselfeld.de