Audiophilie

Eine Emmendingerin baut Plattenspieler für 85.000 Euro

Stephan Elsemann

Von Stephan Elsemann

Mo, 18. November 2019 um 14:58 Uhr

Emmendingen

Der Sonntag Sie ist eine Missionarin des guten Klangs: Martina Schöner aus Emmendingen baut Luxus-Plattenspieler. Sie ist ein Star und eine der ganz wenigen Frauen in der High-End-Szene.

Vinyl wird zunehmend wieder geschätzt – und mit der Wiederkehr der Schallplatte geraten auch die Plattenspieler wieder in den Fokus einer größeren Hörerschaft. In der kleinen Audiophilen-Gemeinde war das nie anders. Auch heute werden in diesem Umfeld immer wieder neue und zumeist sehr teure Geräte entworfen.

Martina Schöner aus Emmendingen gehört dazu, sie hat einen der teuersten Plattenspieler gebaut, der nach Ansicht der Fachpresse auch der bestklingende ist. Rund 85.000 Euro kostet er. Martina Schöner ist ein Star und eine der ganz wenigen Frauen in der High-End-Szene.

Zum Probehören benutzt sie zur Irritation der High-End-Fans auch "Im Frühtau zu Berge"

Selten trifft man sie zu Hause in Emmendingen an, wir begegnen ihr in Krefeld auf dem Analogforum, einem der Pilgerorte der deutschen Audiophilen. High-End ist ein Steckenpferd vor allem älterer Männer, mit der Entschlossenheit und auch den Möglichkeiten, viel Geld fürs Hobby auszugeben.

Rund zwei Dutzend Konstrukteure und Hersteller haben ihr Equipment in leergeräumten Hotelzimmern eines Krefelder Tagungshotels aufgebaut und führen es vor, das heißt: Sie lassen Musik laufen. So ist das auch bei Martina Schöner: Im Zentrum ihr Plattenspieler, links und rechts Verstärker und Boxentürme, zwei Sitzreihen für die Besucher davor. Der kleine Raum ist zum Bersten voll mit Zuhörern.

Doch die Geräte sind für Martina Schöner nicht Selbstzweck, sie "will nicht Technik vorführen", sondern zeigen, wie sich jede Art Musik mit so einer Anlage genießen lässt. Der Plattenspieler bleibe nur ein Mittel. Und so bekommen die Zuhörer von ihr vor allem Persönliches zu ihren Musikstücken zu hören, die im krassen Stilwechsel zu Gehör gebracht werden: Tschaikowskis Sechste Sinfonie in einer neuen Einspielung mit Kirill Petrenko, Pop von Madonna, Kammermusik mit dem Borodin Quartett oder vertrackte Rhythmen vom Techno-Avantgardisten Stanislav Tolkachev. Und dann wieder Folklore. Auch "Im Frühtau zu Berge" ist im Gepäck, gesungen von Heino. Denn, so erklärt sie den leicht irritierten Zuhörern, ihre "mit Abstand beste Aufnahme von Frauenchören" stamme von dieser Heino-Single.

Ein filigranes und doch wuchtiges Klangerlebnis

Doch egal was sie auflegt, das Klangerlebnis bei der Vorführung ist ungeheuerlich – filigran und luftig fächern sich die Stimmen auf, feinste Dynamik-Steigerungen der Berliner Philharmoniker sind zu hören, die Techno-Bässe stehen trocken und frei, wie gemeißelt im Raum, losgelöst von den Boxen, die sie produzieren. Durch keine Art von Musik lässt sich ihr Plattenspieler beeindrucken. Dazwischen steht die quirlige 54-jährige Frau, erzählt von ihren Platten und wirbt mit ihrer Begeisterung für den schönen Klang.

Mit Martina Schöner in Ruhe zu sprechen, geht am besten am Telefon, wenn sie, wie meistens, unterwegs ist und im Auto sitzt. Wenige Tage vor Krefeld war sie noch in Ascot bei London auf einer UK-Hifi-Show, und schon wenige Tage nach Krefeld befindet sie sich auf dem Weg in die Normandie zum European Triode Festival, einem Audiophilen-Treffen, das die Triode, die gute alte Radio-Röhre, im Namen trägt und sie wegen ihrer Klangqualitäten hochleben lässt.

Die schwarze Scheibe aber ist das Analog-Medium schlechthin. Sie trägt die Musik in der Rille, einer langen Spirale, die vom Rand der Platte spiralförmig nach innen verläuft. Ihre Flanken bilden die Schallschwingungen des Musiksignals direkt ab. Beim Abspielen schwingt die Abtastnadel darin seitlich und vertikal, und gibt die Musikinformation weiter an den Verstärker und die Lautsprecher, dort werden sie wieder in Schall umgewandelt und sind dann zu hören.

Jede noch so kleinste Beeinflussung bei der Abtastung, besonders durch Vibrationen des Motorantriebs, überträgt sich auf die Abtastnadel, vermischt sich mit der Musik und verfälscht die Wiedergabe. Und so muss der Motor beruhigt werden. Viele Faktoren, Tüftelei, ein immenser Aufwand bei der Wahl der Materialien und allerhöchste Präzision bei der Fertigung führen dazu, dass ein Plattenspieler so teuer werden kann wie der von Martina Schöner, zu dem sich noch Ausgaben für Verstärker und Lautsprecherboxen in entsprechender Preisklasse addieren.



178 eigens konstruierte und gefertigte Metallteile stecken in dem Plattenspieler

Der Hauptgrund für die exorbitanten Preise liegt aber darin, dass es heutzutage keine nennenswerte Serienfertigung für solche Geräte mehr mehr gibt, anders als in den 1970er Jahren, als sich auch hochwertige Geräte zu Zehntausenden verkaufen ließen. Martina Schöners "Transcription Reference" ist eine Einzelanfertigung, Prototyp für eine Serienfertigung, die es niemals geben wird, weil es dafür keinen Markt mehr gibt.

178 eigens konstruierte und gefertigte Metallteile sind in dem Gerät verbaut, mit einem Netzteil, das allein fünf Platinen zur Steuerung enthält. Insgesamt sieben Unternehmen sind an der Produktion beteiligt. Die Freiburger Schreinerei Kaiser stellt die Holzzarge her.

Eigentlich würde Martina Schöner gern Geräte bauen, die bezahlbar bleiben, damit jeder in den Genuss einer richtig guten Musikwiedergabe kommen könnte. Doch dass das Illusion bleibt, weiß sie auch. Die Missionarin des guten Klangs ist auch Realistin, neben ihr steht ein klitzekleines Gerät, so groß wie eine Zigarettenschachtel. "Das ist ein Verstärker", sagt sie, "zwei Mal 50 Watt, den gibt’s für 30 Euro bei Amazon. Ich habe noch keinen Verstärker unter 1 000 Euro gefunden, der besser klingt als dieser. Da hat sich in den letzten Jahren viel getan."

Rätselhaft bleibt, was die High-End-Fans dazu bringt, einen solchen Aufwand zu treiben. Ginge es nur um die Musik, könnte man für die Preise der analogen High-End-Geräte sich lebenslang Konzertkarten leisten und weltweit auch die Reisen zu diesen Konzerten finanzieren. Für Martina Schöner macht die Unabhängigkeit von Zeit und Ort den Unterschied aus. Losgelöst vom Konzert-Event und in perfekter Klangqualität könne man die Musik immer wieder genießen, sagt sie.
Martina Schöner Plattenspieler: L’Art du Son

Für Martina Schöner gehört Musik zum Leben dazu "wie Wasser", sagt sie. Als Kind war es pures Glück, wenn sie unten im Hof spielte und oben in der Wohnung das Wunschkonzert des Südwestfunks im Radio lief und ihre Mutter alle Lieder mitgesungen hat: "Komm ein bisschen mit, nach Italien ..." von Caterina Valente und andere fröhliche Schlager.

Ihr Vater hörte Rock’n’ Roll und auch Exotisches wie Mariachi-Musik, die er von seinen Fahrten mitgebracht hatte. Karl Schöner war Seemann und bereits viele Jahre auf großer Fahrt, als er bei einem Besuch in Freiburg ihre Mutter Anne kennenlernte, die Seefahrt an den Nagel hängte und sich in Emmendingen niederließ, um bei Wehrle, einer Firma für Filteranlagen, anzuheuern und als Techniker zu arbeiten.

Leidenschaft für komplexe Technik

Ihre Neugier für technische Zusammenhänge und den Ehrgeiz, Lösungen für komplizierte Probleme zu finden, hat sie von ihm, vermutet Martina Schöner. Schon als sie ganz klein war, wusste sie, wie man auf den Schrank klettert, um das Radio einzuschalten, und wo der Drehknopf ist, um zu einem anderen Sender zu wechseln. So entdeckte sie die klassische Musik.

1985 nach dem Abi studierte sie Chemie und jobbte viele Jahre als Verkäuferin in einem Hifi-Geschäft. Dort bekam sie über ihren Kollegen Alfred Rogoll Kontakt zur renommierten Firma Thorens, um später als technische Beraterin viele Jahre an der Verbesserung der Plattenspieler zu arbeiten, bevor sie sich selbstständig machen konnte.

Den Aufnahmen von Heinos Frauenchören begegnete sie 1990 bei einem anderen Job – im Freiburger Volksliedarchiv. Die Schallplatten sollten auf Kassetten aufgenommen werden, um sie den Studenten statt der Platten selbst zum Ausleihen zur Verfügung zu stellen. Dort gab es auch eine Maschine, um die Platten vor der Aufnahme zu säubern. Durch den Alkohol in der Reinigungsflüssigkeit bekam sie Kopfweh, und so dachte sie schon seinerzeit darüber nach, ob es nicht auch ohne Alkohol geht. 2003 war es so weit, und seither ist ihre patentierte Flüssigkeit in Produktion und verkauft sich bis nach China. Neben Privatanwendern nutzen sie vor allem große Archive, wie die Library of Congress in Washington. Rund 40 000 Flaschen konnte sie bislang nach eigenen Angaben verkaufen.

L’ Art du Son, die Kunst des Klangs – so heißt ihre Firma. Die Einkünfte aus dem Verkauf der Waschflüssigkeit machen es der Idealistin möglich, sich weiter so konsequent der Entwicklung der analogen Musikwiedergabe zu widmen und den schönen Klang in die Welt zu tragen.

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