Interview

Expertin für Lernstörungen: "Man darf ein Kind nicht verbiegen"

Anja Kunz

Von Anja Kunz

Di, 26. März 2019 um 08:28 Uhr

Liebe & Familie

Bis zu 5 Prozent sind betroffen: Im Interview rät PH-Dozentin Karin Schleider dazu, die Begabungen von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche besonders zu fördern.

Warum haben manche Kinder eine Lese-Rechtschreib-Störung? Wie kann man trotzdem gut durch die Schulzeit kommen und später Erfolg im Beruf haben? Antworten hat die Freiburger Professorin Karin Schleider. Anja Kunz hat mit der Expertin für Lern-, Verhaltens- und Entwicklungsstörungen von Kindern und Jugendlichen gesprochen.

BZ: Frau Schleider, wie erkenne ich, dass mein Kind Legasthenie hat?
Schleider: Wir müssen klar unterscheiden zwischen Kindern, die eine Lese-Rechtschreib-Schwäche und Kindern, die eine Legasthenie, also eine Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) haben. Das betrifft rund drei bis fünf Prozent aller Kinder. Gefördert werden müssen alle, aber Kinder die an einer LRS leiden, entwickeln oft Folgestörungen, spüren Schulunlust und brauchen nicht selten psychotherapeutische Hilfe.

"Fördern sollte man das Kind vor allem in den Bereichen, in denen es ohnehin Stärken mitbringt."


BZ: Welche Ursachen gibt es für eine Legasthenie?
Schleider: Der Mediziner würde von einer genetisch bedingten Störung sprechen. Um die wesentlichen Bedingungen im Ganzen zu erfassen, müssen neben den biologischen auch die psychologischen und sozialen Risiko- und Schutzfaktoren berücksichtigt werden, die auslösend oder aufrechterhaltend Einfluss nehmen können. So wirken sich gute Lehrer, eine unterstützende Familie und ein guter Freundeskreis positiv auf die Entwicklung aus und stärken das Kind, auch im Umgang mit der LRS. Unser Ziel muss es sein, dem Kind Bewältigungsstrategien im Umgang mit seiner Legasthenie an die Hand zu geben.

"Man darf ein Kind nicht verbiegen."


BZ: Welche Therapiemöglichkeiten gibt es und wie kann ich mein Kind stärken?
Schleider: Natürlich muss das Kind Lesen und Rechtschreiben üben, aber bitte mit Maß. Eltern und Fachkräfte sollten dafür sorgen, sich realistische Ziele zu setzen und die müssen individuell auf das Kind angepasst sein. Fördern sollte man das Kind vor allem in den Bereichen, in denen es ohnehin Stärken mitbringt. Das kann eine Sportart sein, etwas Kreatives, naturwissenschaftliches Interesse oder ein besonders soziales Wesen. Es ist immens wichtig, nicht nur die Schwächen zu sehen, sondern in erster Linie das Positive zu verstärken.
Förderung bei Legasthenie oder Rechenschwäche

In Regelklassen haben sie kaum Chancen: Jedes zehnte Schulkind hat Legasthenie oder eine Rechenschwäche. In Freiburg zeigt sich, wie sie trotzdem Spaß an der Schule haben können.

BZ: Welche beruflichen Aussichten haben Jugendliche, die mit einer LRS aufwachsen?
Schleider: Grundsätzlich gilt: Wenn ich alle anderen Begabungen, die eine Kind mitbringt, fördere, findet jeder einen guten Platz. Zwar studieren weniger Kinder mit LRS. Wenn jemand aber in einem bestimmten Fachgebiet begabt ist, steht möglicherweise auch einer Hochschullaufbahn nichts im Wege. Man darf ein Kind aber nicht verbiegen. Das Ziel ist es ja, dass ein Kind zu einer starken Persönlichkeit heranwächst, das die Herausforderungen des Lebens gut bewältigt.
Zur Person: Karin Schleider leitet die Abteilung für Beratung und Klinische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Die Diplom-Psychologin und Sonderpädagogin hat das Buch "Lese- und Rechtschreibstörungen" (Ernst Reinhardt Verlag, München) geschrieben.

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