Interview

Historiker aus Freiburg erzählt, wieso die Antike auch heute noch von Bedeutung ist

Fabian Vögtle

Von Fabian Vögtle

Do, 18. Juli 2019 um 12:22 Uhr

Freiburg

Warum faszinieren uns Archäologie und antike Dramen und was kann die Politik aus dem alten Athen lernen? Bei der "Jungen Uni" spricht der Historiker Hans-Joachim Gehrke über die Aktualität der Antike.

Erstmals hat das Studium generale im Sommersemester mit der "Jungen Uni" ein Format speziell für Schülerinnen und Schüler von 14 bis 18 Jahren erprobt. Zum Abschluss der achtteiligen Vortragsreihe zu unterschiedlichen Themen erklärt der Althistoriker Hans-Joachim Gehrke am Freitag, warum die Antike aktuell ist. Fabian Vögtle sprach mit dem langjährigen Professor an der Uni Freiburg und ehemaligem Präsidenten des Deutschen Archäologischen Instituts Berlin.

BZ: Ägypten hat gerade zwei antike Pyramiden geöffnet, um den Tourismus anzukurbeln. Ist das der richtige Schritt, um archäologische Entdeckungen bekannt zu machen?
Gehrke: Solange das mit der nötigen Sorgfalt geschieht, ist das ein begrüßenswerter und wichtiger Schritt. Es ist grundsätzlich sinnvoll, wenn sich Menschen in der heutigen Zeit mit der Vergangenheit auseinandersetzen. In diesem Fall gilt das nicht nur für Touristen, sondern auch für die Ägypter selbst. Man muss aber schon den wirtschaftlichen Faktor sehen. Ich finde es sehr gut, dass die Pyramiden jetzt anzuschauen sind, denn so wird der wirkliche Reichtum Ägyptens deutlich sichtbarer und nicht wie so oft auf Gizeh reduziert.

"Die Frage, was gerecht ist – etwa im Fall von Antigone – beschäftigt die Menschen tagtäglich."

BZ: Griechische Tragödien sind allseits präsent und immer wieder auf den Theaterbühnen zu sehen. Warum faszinieren uns generell die antiken Stoffe auch im 21. Jahrhundert?
Gehrke: Das liegt an den elementaren menschlichen Verhaltensweisen wie Liebe, Hass, Eifersucht, Wut, Zorn oder auch Ehrgeiz. Sie alle und noch mehr Eigenschaften kommen auf faszinierende Weise in der Literatur und auch in Epen auf der Bühne vor. Mit der Art und Weise, wie eine verletzte Ehre oder Rachegelüste dort präsentiert werden, können auch heute in jeder Gesellschaft Leute etwas anfangen. Auch die Frage, was gerecht ist – etwa im Fall von Antigone – beschäftigt die Menschen tagtäglich. Sollte man sich an das staatliche Gebot halten, selbst wenn Tyrannen regieren, oder gibt es generell höhere, göttliche Gebote?

BZ: Wie aktuell ist die Antike denn in politischen Auseinandersetzungen?
Gehrke: Das Grundprinzip der freien Gesellschaft ist zutiefst ein antikes Erbe. In einer Demokratie mit gewählter Regierung geht die Gewalt vom Volke aus. Ein aktuelles Problem ist die große Kluft zwischen den Politikern und Technokraten einerseits und den Bürgern andererseits. Es geht um mehr Bürgerbeteiligung. Es gibt in einigen Ländern Vorschläge, über ein Losverfahren Bürger stärker am politischen Prozess zu beteiligen. Dabei orientiert man sich an Athen. Es werden heute bereits Möglichkeiten geschaffen, etwa mit einer dritten Kammer – einer Art Bürgerversammlung, die zu wichtigen Themen angehört wird und entscheidet.
Vortrag

"Das Alte im Neuen: Zur Aktualität der Antike", Vortrag von Hans-Joachim Gehrke in der Reihe "Junge Universität", Freitag, 19. Juli, 16.15 Uhr, Hörsaal 1010; Kollegiengebäude I, Platz der Universität 3. Die meisten Plätze sind für Schülerinnen und Schüler reserviert. Für Interessierte gibt es auch noch einige freie Plätze