Von Majas und Willis

Stephan Elsemann

Von Stephan Elsemann

So, 25. August 2019

Freiburg

Der Sonntag Immer mehr Menschen wollen Bienen halten und die Wartelisten sind lang – Besuch bei begeisterten Imkern in Freiburg.

Stephan Elsemann
"Guten Morgen, meine Schatzis, habt ihr gut geschlafen?" So begrüßt Pia Wenge jeden Morgen ihre Lieben. Die Schatzis, das sind rund 40 000 Bienen, die zwei Bienenstöcke im Garten bevölkern. Pia Wenge, die im Freiburger Stadtteil Wiehre lebt, hat ein herzliches Verhältnis zu ihren Haustieren, die, wie sie beobachtet hat, mit ganz unterschiedlichen Charakteren gesegnet sind. Die in der gelben Kiste, "meine Majas", sind die frecheren, aktiveren, die in der roten Kiste sind fauler, das sind ihre "Willis". Hobbyimker der neuen Art wie Pia Wenge überlassen die Bienen weitgehend sich selbst, sie setzen sich von gewerbsmäßiger Bienenhaltung ab, bei der es um den Honigertrag geht.

Naturbeobachtung steht auch bei Christiane Sleboda und Karl Walz im Vordergrund. Die Biologin aus Freiburg-Littenweiler und ihr Lebensgefährte sind ganz neu beim Imkern. Erst im April bekamen sie ihren Bienenschwarm – eine ganze Weile nachdem sie sich fürs Imkern entschieden und auf Wartelisten eingetragen hatten. Denn viele wollen Bienen halten und die Listen sind lang. "Das war wie bei einer Schwangerschaft mit Geburtsvorbereitung", beschreibt Christiane Sleboda diese Zeit. Als dann der Anruf kam, ließ ihr Mann die Arbeit liegen und es ging sofort los nach Stein am Rhein an den Bodensee, um den Schwarm abzuholen.

Zuvor hatten sie sich in einem Kurs über die extensive Bienenhaltung unterrichten lassen und eine Bienenkiste gebaut. Die "wesensmäßige" Bienenhaltung, die der Verein Mellifera propagiert und unterrichtet, geht auf Rudolf Steiner zurück. Die Kiste ist bewusst einfach, besteht aus nur einem Brutraum und einem Honigraum, anders als professionelle Bienenstöcke, die leichteren Zugang zur Honigernte gewähren. Mit Rührung schildert die Littenweilerin, wie ihre neuen Haustiere das Heim bezogen und über Stunden auf einer Rampe in die Kiste krabbelten. In der Kiste müssen Bienen ihre Waben selber bauen, auch das ist anders als bei der professionellen Imkerei.

Bienen vermehren sich innerhalb des Stocks, aber auch durch Ausschwärmen. Dabei fliegt die Königin mit der Hälfte der Bienen davon, um sich ein neues Zuhause zu suchen. Im Stock übernimmt eine neue Königin das Regiment über die verbliebenen Bienen. Doch wo bleiben die ausgebüxten Schwärme der privaten Halter? Der Verbleib könnte Probleme verursachen, meinen Kritiker, wenn sich so ein Schwarm etwa im Rollladenkasten des Kinderzimmers im Nachbarhaus ansiedele. Doch Christiane Sleboda hat andere Erfahrungen gemacht. So viele wollen Bienen halten – sie ist sich sicher, da sei sofort jemand da, um den Schwarm einzufangen: keine Probleme mit den Nachbarn.

Die gibt es auch bei Pia Wenge nicht, im Gegenteil, ihre Nachbarn waren begeistert, als sie vor vier Jahren von ihrem Vorhaben erzählte, und stellten ihren Garten zur Verfügung. Sie halfen auch tatkräftig mit beim Bienenkistenbau und pflanzten Blumen, damit die Tiere Nahrung finden. Doch kritische Fragen bleiben: Ob die vielen neuen Bienen den gefährdeten Wildbienen etwa die Nahrung wegnehmen? Ganz falsch, sagt die Biologin Sleboda, Wildbienen seien bei der Nahrung "hochspezifisch eingenischt", wie eine bedrohte Art am Kaiserstuhl etwa, die "interessiere sich nur für die Kartäusernelke". Man müsste schon die Bienenstöcke direkt davor aufstellen, damit es Konkurrenz gebe. Pia Wenge bekräftigt dies, ihre Bienen flögen gar nicht weit genug, ist sie sich sicher, weil sie ihren Honig untersuchen ließ. "Da sind nur Sachen aus dem Garten drin", meint sie.

Honig ernten auch die naturnahen Imker, und zwar den Honig, den die Bienen nicht selbst brauchen. Bei Pia Wenge waren es im guten vergangenen Jahr immerhin rund sieben Kilo pro Stock. Bei Karl Walz und Christiane Sleboda wird gerade zugefüttert, ein Kilo Zuckerlösung täglich noch bis Mitte September, damit die "Schatzis" 15 Kilo Honig haben, um über den Winter kommen.

In Littenweiler war die Liebe zwischenzeitlich etwas abgekühlt, als Christiane Sleboda beim Füttern der Bienen gestochen wurde. Sie ist allergisch und ihre Hand schwoll auf die doppelte Größe an. Drei Tage Cortison, da dachte sie schon einmal darüber nach, ob ihre Bienen eventuell den Winter vielleicht gar nicht überleben würden. Doch jetzt ist alles wieder gut. Das Flugloch bekommt noch ein Drahtgitter, damit im Winter die Mäuse nicht herankommen. Und im kommenden Jahr bedanken sich Maja und Willi wohl auch bei ihr mit ein paar Gläsern Honig.