"Zum zweiten Mal verraten"

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

So, 20. Oktober 2019

Freiburg

Der Sonntag Die türkische Militäroffensive in Nordostsyrien bringt die Kurden in der Region zur Verzweiflung.

Nach dem Abzug der US-Truppen ist Nordsyrien zum Schauplatz neuer geopolitischer Machtspiele geworden. Verzweifelte Verlierer sind die Kurden. Während ihre Familien dort auf der Flucht gen Süden sind, gehen die hier lebenden Kurden fast täglich auf die Straße. Von der Bundesregierung fordern sie klare Worte – und Taten.

"Dieser Krieg ist eine Katastrophe, wir sind in Sorge um unsere Familien und haben Angst, was noch kommt", sagt ein alter Herr, der sich Ismet nennt, am Mittwoch im Kurdischen Demokratischen Gesellschaftszentrum in Freiburg. Mit anderen Mitgliedern des Vereins hat er die örtliche Presse eingeladen, um auf die Not der Kurden nach dem Einmarsch türkischer Truppen in die Autonomieregion in Nordsyrien am 9. Oktober aufmerksam zu machen, die die Bewohner Rojava nennen. Weil sie alle Familie und Freunde in Nordostsyrien oder im Nordirak haben, wollen sie ihre Nachnamen nicht nennen, zu groß ist die Sorge vor Repressionen seitens der türkischen Regierung. "Die Türkei führt einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg mit dem Ziel, die Kurdengebiete ethnisch zu säubern", sagt Vereinsmitglied Armin Fahl, der selbst keine familiären Verbindungen in die Region hat.

Kurz nachdem US-Präsident Donald Trump den Abzug amerikanischer Truppen aus Nordostsyrien bekannt gegeben hatte, begann die türkische Invasion in das vor allem von Kurden, aber auch von Aramäern, Arabern und Turkmenen bewohnte Rojava. Die Militäroffensive richtet sich gegen die Kurdenmiliz YPG, die maßgeblich dazu beigetragen hatte, das Terrorregime des Islamischen Staates (IS) zu schlagen, aber von der Türkei selbst als Terrororganisation betrachtet wird. Die YPG ist Teil der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). Erklärtes Ziel des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist es, in Nordsyrien eine "Sicherheitszone" zu schaffen, die vom Euphrat bis zur irakischen Grenze reicht. Wenn die Kurden vertrieben sind, sollen dorthin in die Türkei geflüchtete arabischstämmige Syrerinnen und Syrer umgesiedelt werden.

In ihrer Not haben sich die bedrängten Kurden hilfesuchend und mit Erfolg an den syrischen Diktator Baschar al-Assad gewandt, wobei der russische Präsident Wladimir Putin als Vermittler diente. Am Donnerstagabend einigten sich Erdogan und Trump auf eine – brüchige – fünftägige Feuerpause, der die Kurdenkämpfer notgedrungen zustimmen mussten.

"Damit sind die Kurden zum zweiten Mal verraten worden", sagt Armin Fahl vom Kurdischen Demokratischen Gesellschaftszentrum am Freitag: "Sie sind gezwungen zu fliehen, ihre Städte, in denen es Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit gab, an Erdogan auszuliefern und der ethnischen Säuberung zuzustimmen." Die Stimmung in der kurdischen Community in Freiburg und dem Umland, die die Vereinsmitglieder mit rund 1 500 Menschen angeben, ist bedrückt. Ein Mann namens Schiar berichtet, dass der Bruder seines Schwagers bei einem türkischen Angriff auf die Stadt Kamischli so schwer verletzt wurde, dass er ein Bein verlor. Ismet erzählt, dass sich seine Verwandten den bis zu 200 000 Flüchtenden angeschlossen hätten und nun auf dem Weg sind in das vom syrischen Regime kontrollierte al-Hasaka.

Dort unterstützt Caritas International mit Sitz in Freiburg seine syrische Partnerorganisation dabei, Nothilfe für die Vertriebenen zu leisten. "Es mangelt dort an allem – Wasser, Essen, Medikamenten, Windeln", sagt Angela Gärtner, Projektreferentin für Syrien. In leerstehenden Gebäuden wie etwa Schulen würden derzeit jeden Tag fünf bis zehn neue Zufluchtsorte ("Shelter") eingerichtet, in denen durchschnittlich jeweils 200 Menschen unterkommen. Aus humanitärer Sicht begrüßt Gärtner die Feuerpause, doch: "Die Kurden sind nun gezwungen, ihr Territorium aufzugeben, sie werden die Verlierer des Machtspiels sein."

IS-Kämpfer könnten nach Europa zurückkehren

Das fürchtet auch Tilman Lüdke, Wissenschaftler am Arnold-Bergstraesser-Institut für kulturwissenschaftliche Forschung der Universität Freiburg. Erdogans Plan bei der Militärintervention sei jedoch weniger eine ethnische Säuberung der Kurdengebiete, sondern ein innenpolitisches Signal an türkische Nationalisten mit dem Ziel, seine Macht zu festigen. Der Umstand, dass die Kurden den Kampf gegen den IS nun zugunsten von Flucht und Selbstverteidigung aufgeben mussten, könne Folgen für Europa haben: "Einige hunderttausend IS-Kämpfer sind bereits aus den kurdischen Gefängnissen entkommen, es ist denkbar, dass manche von ihnen nach Europa zurückkehren, woher sie ursprünglich stammen, und es zu Gewalttaten kommt", sagt Lüdke.

Die Freiburger Kurden rufen derzeit – wie ihre Landsleute in anderen deutschen Städten – fast täglich zu Demonstrationen auf. Dabei geben sie ihrer Enttäuschung über die Bundesregierung Ausdruck, die zwar neue Rüstungsexporte an die Türkei ausgesetzt hat, genehmigte Lieferungen aber weiter ausführt. "Wir fordern einen echten Exportstopp, ein Einfrieren der Hermes-Bürgschaften und eine internationale Flugverbotszone über den Kurdengebieten", erklärt Armin Fahl. Eine Frau namens Yasemin sagt: "Wir fragen uns, warum die Welt uns nicht zur Hilfe kommt." An den Protesten in Freiburg nahmen nach Polizeiangaben bisher zwischen 50 und 1 500 Menschen teil, meist seien es 200 bis 250. Obwohl die Emotionen dabei oft hochschlügen, verliefen sie friedlich und geordnet, zu Konfrontationen etwa zwischen Kurden und Türken wie in anderen Städten sei es nicht gekommen, auch kämen nicht vermehrt verbotene Zeichen und Gesten zum Einsatz, sagt Polizeisprecherin Laura Riske.

Bei einigen südbadischen Kurden wachsen derweil Verzweiflung und Zorn. Es sei ein Kampf ums Überleben, sagt Schiar. Nur aus schierer Not habe man sich mit Assad verbündet: "Wir hätten auch einen Pakt mit dem Teufel geschlossen." Ismet fürchtet, dass Rojava erst der Anfang ist, als Nächstes könnte das kurdische Autonomiegebiet im Nordirak angegriffen werden. Halin, ein Mann um die 30, sagt, er wisse von jungen deutschen Kurden, die sich überlegen, nach Syrien zu reisen, um "ihr Vaterland zu verteidigen".