Freilichtbühnen der Nazis

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Sa, 21. November 2020

Literatur & Vorträge

Ein Band über die Thingstätten.

Es war keine Erfolgsgeschichte – obwohl sich die Nationalsozialisten darauf stürzten, als sei es für sie gemacht: das germanisch inspirierte Thingspiel, hervorgegangen aus der gegen den Wilhelmismus gewandten Thingbewegung am Beginn des 20. Jahrhunderts, einer angeblichen Rückbesinnung auf die Ahnen. Als das Gedankengut den Nazis in die Hände fiel, schossen sogenannte Thingstätten wie Pilze aus dem Waldboden: Naturnah sollten Tanz, Trachten und Gesang genossen werden, weitab vom verderbten Einfluss städtischer Sündenbabel.

Den rund 50 Freilichtbühnen des "Dritten Reichs" zwischen Bergen auf Rügen und Heidelberg – weiter nach Süden kam die Bewegung nicht – war ein nur kurzes Leben beschieden: Als Propagandainstrument erwies sich das unter freiem Himmel oft bei widrigen Umständen Dargebotene als untauglich, bereits 1936 rückte Goebbels vom Thingspiel zugunsten des weitaus wirkmächtigeren Films ab. Die Bühnen allerdings überlebten die NS-Zeit – und werden heute zum Teil für Open-Air-Spektakel wie Rockkonzerte oder die berühmten Karl-May-Festspiele von Bad Segeberg genutzt.

Der in Freiburg aufgewachsenen Fotografin Katharina Bosse ist es zu verdanken, dass die Thingstätten ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt worden sind. Nicht vielen dürfte bewusst sein, dass die beliebte Berliner Waldbühne von Goebbels angeregt und 1936 im Rahmen der Olympischen Spiele errichtet wurde. Bosse und ein umfangreiches Team von künstlerischen Mitstreitern und Mitstreiterinnen haben mehr als 40 ehemalige Thingstätten aufgesucht und umfangreich dokumentiert. Die Befunde fallen sehr unterschiedlich aus. Während ein Teil der Anlagen noch heute als Freilichtbühnen genutzt wird, sind manche dem Vergessen oder der Überbauung überantwortet worden, andere sind in sichtbaren Spuren noch vorhanden, nur wenige wurden zum Gedenkort umgestaltet.

Der Band ist eine gelungene Mischung von aktuellen Fotografien – ohne Publikum sehen die steinernen Zeugen der NS-Kultur sehr düster aus – und historischem Material: Postkarten, Grundrisse, Fotos. Hinzu kommen detaillierte Erläuterungen, Essays, persönliche Erfahrungen. Der leitmotivisch mit der Leuchtfarbe Gelb gestaltete Band kommt angenehm vielgestaltig daher. Ein ungewöhnliches Kompendium zu einem Phänomen, an dem sich die deutsche Geschichte der 1930er bedrückend nacherzählen lässt. Besser kann historische Aufarbeitung nicht gelingen. "Never forget" – wie der Bildhauer Simon Schubert unnachahmlich prägnant formuliert.

Katharina Bosse (Hg.): Thingstätten. Von der Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart. Kerber Verlag, Bielefeld 2020. 252 Seiten, 45 Euro.