Corona

Gähnende Leere an den touristischen Hotspots der Türkei

Gerd Höhler

Von Gerd Höhler

So, 21. Juni 2020 um 20:30 Uhr

Ausland

Die Reisewarnung der Bundesregierung für die Türkei schreckt Touristen ab. Ankara ist verstimmt und die Hoteliers leiden unter den ausbleibenden Besuchern.

. Die Türkei glaubte sich beim Kampf gegen die Corona-Epidemie auf gutem Weg. Doch jetzt versetzen steigende Infektionszahlen die Experten in Unruhe. Die Bundesregierung stuft das Land als "Corona-Risikogebiet" ein und zerstört so die Hoffnung türkischer Hoteliers auf eine baldige Rückkehr der deutschen Urlauber. Die Regierung in Ankara ist verstimmt.

Seit Anfang Juni ist der Kapali Carsi wieder geöffnet, der Große Basar in Istanbul. Mit seinen rund 4000 Läden ist das historische Einkaufszentrum, das vor 560 Jahren angelegt wurde, eine der wichtigsten Touristenattraktionen der Bosporus-Metropole. Doch zur Zeit heißt es hier: Teetrinken und abwarten. Die meisten Händler sitzen, das Teeglas in der Hand, vor ihren Geschäften. Kundschaft ist rar, viele Läden haben noch gar nicht geöffnet. Auch die Wächter, die an den Eingängen des Basars den Besuchern die Temperatur messen, haben wenig zu tun.

Vor drei Wochen hat die Türkei die meisten Corona-Beschränkungen aufgehoben. Restaurants, Cafés und Geschäfte, Strände und Parks öffneten nach einer zweimonatigen Zwangspause. Die Anfang April eingeführten Ausgangssperren und Reisebeschränkungen wurden aufgehoben. Möglicherweise voreilig – denn die Zahl der Infektionen steigt wieder.

Dass das Land von Normalität weit entfernt ist, zeigt sich auch 500 Kilometer Luftlinie südlich an der türkischen Riviera. Dort herrscht gespenstische Ruhe in den Hotelpalästen. Auf den kilometerlangen Stränden, die sonst um diese Jahreszeit dicht bevölkert sind, verlieren sich wenige Einheimische. Die meisten Läden und Restaurants sind geschlossen. Ob Antalya, Kemer, Belek oder Side: Die Touristenviertel der Urlaubsorte gleichen Geisterstädten. Am meisten vermissen die Hoteliers deutsche Gäste. Die Türkei ist nach Italien und Spanien das beliebteste ausländische Urlaubsziel der Deutschen. Vergangenes Jahr kamen fünf Millionen Deutsche ins Land. Sie stellen nach den Russen die zweitgrößte Besuchernation.

Die Türkei ist auf die Devisen aus dem Tourismus angewiesen

Der Tourismus spielt für die türkische Wirtschaft eine große Rolle. Er steuert zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Und weil Anleger in den vergangenen Jahren viel Geld aus der Türkei abgezogen haben, ist sie jetzt mehr denn je auf die Deviseneinnahmen angewiesen. Die Türkei hat deshalb ihre Reisebeschränkungen Mitte Juni aufgehoben. Die staatliche Fluggesellschaft Turkish Airlines nimmt ihre Auslandsverbindungen wieder auf. Aber die Hoffnung, damit würden auch deutsche Urlauber wieder an die türkischen Strände strömen, hat sich bisher nicht erfüllt. Denn die Bundesregierung hat die Reisewarnung für die Türkei verlängert, vorerst bis 31. August. Sie stuft das Land als "Corona-Risikogebiet" ein. Das bedeutet zwar kein Reiseverbot – aber Reisen auf eigene Gefahr. Und wer aus der Türkei nach Deutschland zurückkehrt, muss damit rechnen, für 14 Tage in Quarantäne zu kommen.

Die deutsche Reisewarnung sorgt für politische Verstimmung in Ankara. Außenminister Mevlüt Cavusoglu äußert "Enttäuschung". Die Warnung müsste "schnellstmöglich aufgehoben werden". Offen spricht es in Ankara niemand aus, aber man vermutet politische Beweggründe hinter der Reisewarnung. Bundesaußenminister Heiko Maas wolle die Türkei bestrafen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Deutlicher als viele seiner Amtsvorgänger hat Maas immer wieder Demokratie-Defizite und Willkür unter dem autokratischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan kritisiert. Der wiederum kanzelte den Bundesaußenminister als "politischen Dilettanten" ab.

Schon vor der Reisewarnung galt die Türkei als problematisches Urlaubsziel. Nach dem Putschversuch vom Sommer 2016 und den willkürlichen Verhaftungen deutscher Staatsbürger mieden viele Reisende das Land. Erdogans Tiraden, der die Deutschen als "Nazi-Überbleibsel" bezeichnete, schreckten Urlauber ab. Mindestens 60 Bundesbürger sitzen aus politischen Gründen in Haft, mehr als 70 Deutsche dürfen die Türkei wegen Ausreisesperren nicht verlassen.