Gefahr der Verhöhnung und Schande

Inge Günther

Von Inge Günther

Mo, 23. November 2020

Kultur

750 Holocaust-Experten protestieren gegen den nominierten Yad Vashem-Chef Effie Eitam.

Die Nominierung von Effie Eitam, einem als rechtsextrem eingestuften israelischen Politiker, zum neuen Vorsitzenden der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem stößt international auf massiven Widerspruch. Dem Protest gegen den von Israels Premier Benjamin Netanjahu favorisierten Kandidaten haben sich 750 Wissenschaftler und Mitarbeiter aus jüdischen Museen sowie Bildungs- und Forschungsinstituten angeschlossen. In ihrer gemeinsamen Erklärung wenden sie sich "in scharfer Form gegen diesen beunruhigenden Schritt, der eine der wichtigsten Memorialeinrichtungen zum Holocaust in der Welt für einseitige politische Interessen zu instrumentalisieren droht".

Zu den fünf Initiatoren des Appells gehören Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems in Österreich, und Cilly Kugelmann, Chefkuratorin der Dauerausstellung des Jüdischen Museums in Berlin. Auf der Liste der Unterzeichner finden sich Namen, die weltweit ähnliche Institutionen leiten oder sich mit Studien zum Antisemitismus, der NS-Geschichte und der Shoah hervorgetan haben. Auch Andreas Nachama, Präsident der Rabbinerkonferenz in Deutschland, unterstützt den Protest.

Vor allem dürfte der Netanjahu-Regierung Druck machen, dass sich mit den Freundeskreisen von Yad Vashem in Liechtenstein und der Schweiz Organisationen hinter den Appell gestellt haben, die die Jerusalemer Gedenkstätte finanziell fördern. Seit Ausbruch der Pandemie blieb Yad Vashem geschlossen. Die Finanzlage ist prekär. Das Jahresbudget von etwa 50 Millionen Euro wird zur Hälfte mit ausländischen Spenden gedeckt. Der Personalausschuss der israelischen Regierung hat die Ernennung von Eitam, der für einen palästinensischen Bevölkerungstransfer und den Entzug von Bürgerrechten arabischer Israelis eintritt, letzte Woche zwar durchgewinkt. Aber das Kabinettsvotum steht aus. Verteidigungsminister Benny Gantz erwägt, ein Veto einzulegen. Darauf hoffen offenbar auch die 750 Unterzeichner der an den Yad Vashem-Stiftungsrat und die Knesset-Abgeordneten gerichteten Petition.

Eitam zum Vorstand zu machen, heißt es, "würde eine international respektierte Institution, die sich der Dokumentation von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und dem Streben nach Menschenrechten widmet, verhöhnen und zu einer Schande machen."